Forschungsthemen

Elephant house in the Poznań Zoological Garden remodeled in 1888 from an engine house of the former railway station. Source: Poznań University Library Archives.

Nr 63
Elefanten-Elfenbein, Zoos und Artensterben im Zeitalter des Imperialismus (1870er-1940er Jahre)
Elefanten gehören zu den Tieren, die im Zoo, im Zirkus und in Naturschutzgebieten weltweit am häufigsten zur Schau gestellt werden. Die wild lebenden Elefantenpopulationen in Afrika und Asien sind jedoch vom Aussterben bedroht, was zum Teil auf den weltweiten Bedarf an Elfenbein zurückzuführen ist. In ihrem Forschungsprojekt verfolgt die Postdoktorandin Marianna Szczygielska die historischen Wege des kolonialen Handels mit Elefanten und Elfenbein mit dem Schwerpunkt Osteuropa als Region ohne Überseegebiete. Ihre Forschung zeigt, wie über die direkten Mittel der kolonialen Dominanz hinaus mit den Körpern von Elefanten als Stellvertretern der imperialen Macht die materiellen Verknüpfungen zwischen Arten, Ethnien und transnationalen Warennetzwerken gestaltet wurden. Zur Schau gestellte exotische Tiere und ihre Körperteile, die in den Weltwirtschaften als Rohstoffe zirkulieren, tragen Bedeutungen, die mit dem Kolonialismus und der imperialen Macht in Zusammenhang stehen. Dieses Projekt untersucht das komplexe Tierverständnis an der Schnittstelle zwischen naturkundlicher Erfassung, wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und öffentlicher Bildung.

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Postkarte aus der Zeit um die Jahrhundertwende mit einem asiatischen Zirkuselefanten. Quelle: Archiv der Universitätsbibliothek Poznań.

Elefantensterben und das britische Elfenbeingesetz

Nach Angaben des World Wildlife Fund ist die Population der afrikanischen Elefanten (Loxodonta africana und L. cyclotis) vor allem aufgrund der Jagd von einem Bestand von drei bis fünf Millionen Tieren im 19. Jahrhundert auf heute etwa 415.000 Tiere zurückgegangen. Wildschützer verweisen auf eine Zunahme der Wilderei in den letzten Jahren: Es wird geschätzt, dass jedes Jahr 35.000 Elefanten illegal aufgrund ihrer Stoßzähne getötet werden. Im Jahr 2013 wurde in dem Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES) China als Hauptziel des illegalen Elfenbeinhandels aus Afrika genannt. Asiatische Elefanten (Elephas maximus) gelten mit einem Bestand von weniger als 50.000 Tieren in freier Wildbahn inzwischen als gefährdet. Als Reaktion auf diesen Rückgang verabschiedete das Vereinigte Königreich im Dezember 2018 ein neues Gesetz, das den Verkauf oder Kauf von Gegenständen mit oder aus Elfenbein unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Alter verbietet. Zwar ist der internationale Handel mit Elfenbein bereits seit 1990 im Rahmen des CITES-Übereinkommens streng verboten, jedoch ist diese einzelstaatliche Maßnahme das bisher restriktivste Verbot des Elfenbeinhandels weltweit, das sich zum Ziel gesetzt hat, die kommerzielle Nachfrage nach Elfenbeinprodukten zu drosseln und damit wild lebende Elefanten zu schützen. Mit dem Inkrafttreten der neuen Regelung im Jahr 2019 hat das vollständige Verbot von Elfenbein in Großbritannien zu hitzigen Debatten über Tierrechte und den Schutz der Tier- und Pflanzenwelt sowie über das kulturelle Erbe und den Nachlass aus der Kolonialzeit in den Museumssammlungen geführt.

 

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Erklärung des britischen Ministeriums für Umwelt, Ernährung und Angelegenheiten des ländlichen Raums (DEFRA) zu dem 2018 eingeführten Elfenbeinverbot. Quelle: Defra UK.

 

Elfenbein als globale Ware

Jahrhundertelang war Elfenbein eine globale Ware, die materielle Kulturen außerhalb der Lebensräume von Elefanten geprägt hat. Das wertvolle Material stammt von den Stoßzähnen unterschiedlicher Tiere: von Elefanten, Flusspferden, Walrossen, Warzenschweinen, Pott- und Narwalen sowie von ausgestorbenen Mammuts und Mastodonen. Das Elfenbein der Stoßzähne, also Schneidezähne, von Elefanten gilt jedoch aufgrund seiner Größe als besonders wertvoll. Warum schätzen die verschiedensten Kulturen dieses Zahngewebe so sehr? Aufgrund seiner weißen Farbe wurde Elfenbein mit Reinheit und Keuschheit in Verbindung gebracht und entsprechend für christliche Devotionalien verwendet. Bei der Herstellung von handwerklichen oder künstlerischen Gegenständen wird es aufgrund seiner Langlebigkeit geschätzt und der Tatsache, dass es sich sehr gut dafür eignet, auch feine Details zu schnitzen. Artefakte wie geschnitzte Figuren, Werkzeuge, Musikinstrumente und mit Elfenbein hergestellte Waffen füllen die Regale und Lagerräume der Museumssammlungen. Vor der Einführung von Kunststoff wurde Elfenbein auch zur Herstellung von Alltagsgegenständen wie Besteckgriffen, Billardkugeln, Klaviertasten, Knöpfen, Schmuck und anderen dekorativen Gegenständen verwendet. Die Klavierindustrie gab Elfenbein zur Herstellung von Klaviertasten in den Vereinigten Staaten erst in den 1970er Jahren und in Europa erst in den 1980er Jahren auf. Ihren Höhepunkt hatte die Nachfrage nach Elfenbein jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Wettlauf um Afrika erreicht. Die enge Beziehung zwischen Sklaven- und Elfenbeinhandel machte das so genannte „weiße Gold“ nicht nur zu einer Kolonialware, sondern auch zu einem symbolischen Objekt, das zu spezifischen Vorstellungen vom weißen Europa führte.

 

Advertisement for the first Polish manufacture of billiards offering ivory billiard balls. Source: J. Nosowski, “Illustrated Guide to Warsaw.” 1880. p. 51.

Werbung des ersten polnischen Herstellers von Billardkugeln aus Elfenbein. Quelle: J. Nosowski, „Illustrated Guide to Warsaw“. 1880. S. 51.

Der Wert von Elfenbein

Der hohe Wert von Elfenbein kann damit in Verbindung gebracht werden, dass es von den größten Landsäugetieren stammt, die die Menschheit seit Jahrtausenden faszinieren. Die ersten Elefanten, die als diplomatische Geschenke für Päpste und Könige an die europäischen Höfe gebracht wurden, dienten als Zeichen von Macht und Einfluss. Diese seltenen und wundersamen Kreaturen gehörten mit zur begehrtesten exotischen Lebendfracht. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert hatte die Zurschaustellung von Elefanten die verschiedensten Bedeutungen und Begehren in Bezug auf deren Herkunftsorte vermittelt und Phantasien und Sehnsüchte nach diesen weit entfernten Landstrichen geweckt. In seiner einflussreichen Histoire naturelle (1764) schrieb Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, dass der Elefant das ehrwürdigste Tier der Welt ist. In seiner Größe übertrifft er alle anderen irdischen Geschöpfe – und aufgrund seiner Intelligenz kommt er dem Menschen so nahe wie die Materie dem Geist.

 

Fig. 4. Ivory trade, East Africa, 1880s/1890s. Source: www.bassenge.com

Elfenbeinhandel, Ostafrika, 1880/1890er Jahre. Quelle: www.bassenge.com.

 

Im zwanzigsten Jahrhundert priesen auch westliche Trophäenjäger Elefanten als das ultimative Wild. In seinen African game trails (1910) schrieb Theodore Roosevelt:

„Kein anderes Tier, nicht einmal der Löwe, ist an den Lagerfeuern der afrikanischen Jäger und in den Dörfern der afrikanischen Wildnis derart ständiges Gesprächsthema und Gegenstand solch ungebrochenen Interesse wie der Elefant. Der Elefant hat die Phantasie des Menschen tatsächlich schon immer stark bewegt. Er ist nicht nur für Jäger, sondern auch für Naturforscher und alle Menschen, die eine Neugier auf Wildtiere und die Tier- und Pflanzenwelt der Natur mitbringen, das interessanteste aller Tiere.“

 

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Bild aus African Game Trails von Theodore Roosevelt, 1910. Quelle: Wikimedia Commons.

Advertisement for the first Polish manufacture of billiards offering ivory billiard balls. Source: J. Nosowski, “Illustrated Guide to Warsaw.” 1880. p. 51.

Postkarte mit Nelly, dem ersten Elefanten im Zoologischen Garten Poznań (Polen), dort zwischen 1895 und 1907 zur Schau gestellt. Quelle: Archiv der Universitätsbibliothek Poznań.

Ost und West

Aufgrund dieser anhaltenden Faszination für Elefanten wurden ihre Körper, egal ob tot oder lebendig, zu kolonialen Trophäen. Elefanten wurden zu Markenzeichen der zoologischen Sammlungen in Europa, Elfenbein zu einem Luxusgut und Zeichen von Reichtum. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Muster des Elfenbeinkonsums eng mit der wachsenden Mittelschicht in Europa und den Vereinigten Staaten verknüpft. Als Statussymbol signalisierte Elfenbein einen höheren sozialen Rang, insbesondere bei denjenigen, deren Zugehörigkeit zur europäischen Kultur oder gar zur weißen Bevölkerung zweifelhaft war. So enthüllt die Erfassung der Nachfrage nach Elfenbein in Osteuropa, einer Region, die einerseits die Sicherung der eigenen afrikanischen oder asiatischen Kolonien weitgehend „verpasst“ hatte, aber dennoch koloniale Sehnsüchte nährte, enge Verknüpfungen zwischen gesellschaftlichen Rassevorstellungen, kolonialem Handel und Tierkörpern. Für die Region, die zwischen den Vorstellungen von einem „fortschrittlichen Westen“ und einem „rückständigen Osten“ gefangen war, diente der Elefantenkörper als materielles Bindeglied zwischen dem mystischen Orient und dem Kolonialreich und war ein Hilfsmittel, um den Unterschied zwischen Zivilisation und Wildheit zu messen.

 

Im Rahmen des Forschungsthemas „The Body of Animals“ der Abteilung III bietet dieses Projekt einen einzigartigen Einblick in die physische Präsenz des kolonialen Imperialismus in einem Gebiet ohne Kolonien in Übersee. Die Untersuchung von Leben, Tod und Nachleben der Elefanten ist mit einer Vielzahl von Geschichten über ihre Halter, Betreuer und Tierärzte verknüpft und deckt eine Vielzahl von wissenschaftlichen Praktiken und Technologien hinter dem Handel mit exotischen Tieren auf. Mit dem Fokus auf eine Spezies lässt sich die Komplexität des Handels mit exotischen Arten erforschen, der innerhalb eines Netzwerks von Institutionen wie Zoos, Zirkussen und Wanderzirkussen stattfand, ebenso werden auch Warenketten erkennbar, die der Vergangenheit anzugehören schienen, in der Gegenwart jedoch wiederbelebt werden.