Forschungsthemen

The Map of Korean Demilitarized Zone, Detail. Source: Central Intelligence Agency, “Korea Demilitarized Zone” (CIA: Washington, DC, USA. 1969).

Nr 68
Die Ökologisierung der demilitarisierten Zone Koreas: Felder, Tiere und Wissenschaft während des Kalten Krieges
Nach dem Waffenstillstand des Koreakrieges wurde 1953 die demilitarisierte Zone Koreas (DMZ) geschaffen, eine 250 Kilometer lange und vier Kilometer breite Pufferzone. Als eine der weltweit bekanntesten Militärlandschaften ist dieses Gebiet auch ein Ort, an dem die Verteidigung zufällig mit dem Umweltschutz zusammengefallen ist.

Seit ihrer Einrichtung ist die DMZ Niemandsland und bis auf gelegentliche militärische Zusammenstöße eine Zone, die Menschen nicht offensteht. Wie die unlängst erfolgte Anerkennung der DMZ als UNESCO-Biosphärenreservat zeigt, gilt dieses Produkt des Kalten Krieges heute als Zufluchtsort für gefährdete Tiere und Pflanzen. In seiner Forschungsarbeit untersucht der Postdoktorand Jaehwan Hyun, wie sich Umweltschutz, Wissenschaft und Geopolitik mit der während des Kalten Krieges militärisch unterstützten Feldforschung verflochten und sich damit eine neue ökologische Vision für die DMZ eröffnete.

Map of Korean Demilitarized Zone

Karte der demilitarisierten Zone Koreas. Quelle: CIA, „Demilitarisierte Zone Koreas“ (CIA: Washington, D.C., USA. 1969).

Eine komplizierte Beziehung

Der opportunistische Triumph nicht-menschlicher Wesen in dieser Militärlandschaft steht im Mittelpunkt des Interesses von Umwelthistorikern, der politischen Geographie und Anthropologen, die sich die Frage stellen, wie der Kalte Krieg die Umwelt in der DMZ geformt und die Beziehungen zwischen Mensch und Tier verändert hat. Wenn man den Blick auf die wissenschaftlichen Aktivitäten in dem Grenzgebiet und seiner näheren Umgebung lenkt, mit Hilfe von Zeitzeugeninterviews mit lokalen Wissenschaftlern und Archivquellen aus privaten Bibliotheken und offiziellen US-Archiven, dann wird offensichtlich, dass die Art der Begegnung von Mensch und Tier, die ökologische Bedeutung der DMZ und die Beziehung zwischen militärischer Pufferzone und Geopolitik heterogener und komplizierter sind als bisher angenommen.

DMZ and other places related to the national park planning surveys
Distribution of the Korean hemorrhagic fever in the DMZ and other areas in the 1950s

Die DMZ und andere Orte im Kontext von Nationalparkplanungen (links) sowie DMZ und andere Gebiete im Kontext der Verbreitung des hämorrhagischen Fiebers in den 1950er Jahren (rechts). Quellen: Yung Sun Kang, „Present Activities of IBP in Korea“ in Svuiti Mori und Tatuo Kira eds., Proceedings of the East Asian Regional Seminar for the International Biological Programme (Kyoto: Japanese National Committe for the IBP, 1973) und Ho Wang Lee, „Korean Hemorrhagic Fever“ in S.R. Pattyn ed., Ebola Virus Haemorrhagic Fever (New York: Elsevier/North-Holland, 1978).

Unterschiedliche Ansätze im Hinblick auf die DMZ

Bereits zu Beginn des Kalten Krieges begannen Ökologen, Veterinärmediziner und Nationalparkplaner mit der Erforschung der Flora und Fauna im Grenzgebiet. Trotz ihrer Verbindung zum US-Militär waren die Forschungen jedoch durch unterschiedliche Ziele und Strukturen geprägt. So verstanden die Ökologen die Grenze als geschlossenes Ökosystem und befassten sich mit der Bewuchskontrolle zum Zwecke der militärischen Überwachung, während sich die Veterinärmediziner auf die Beobachtung der grenzüberschreitenden Wanderung von Ratten und anderen Tieren konzentrierten, welche ein Risiko für die Verbreitung ansteckender Krankheiten in Kasernen des US- und südkoreanischen Militärs in der Umgebung der DMZ darstellten. Die Nationalparkplaner forschten indessen nach charismatischen „gefährdeten“ Tieren, die dazu dienen konnten, in dem noch in Entwicklung befindlichen Land die Notwendigkeit von Nationalparks darzustellen. Auch die Beziehungen zwischen Mensch und Tier waren heterogen: Einige Tiere sollten erklärtermaßen geschützt, andere ausgerottet werden, in manchen Fällen sollten Angehörige einer Art gar erhalten und getötet werden. Der Grund für die Erklärung des südlichen Teils der DMZ zum nationalen Naturschutzgebiet waren am Ende Kraniche, die in die Zone flogen. Sie waren ursprünglich im Rahmen der Studie „Migratory Animal Pathological Survey“ der US-Armee (1963-73) beobachtet worden, mit der die Zugwege von Vögeln und Fledermäusen sowie die Ektoparasiten ermittelt werden sollten, die die Tiere mit sich brachten.

A nature reserve planning map for the Southern part of the DMZ to protect the migratory birds
Picture of cranes in the planned area

Karte der Naturschutzgebietsplanung für den Schutz von Zugvögeln im südlichen Teil der DMZ (links) und Abbildung von Kranichen im Plangebiet (rechts). Quelle: The Office of Cultural Properties, “The National Monument Designation (the Cholwon Migratory Bird Habitat and Other Regions),” National Archives of Korea, BA0119404, Juli 1973.

Die Entstehung des globalen Umweltschutzes und die grüne „Dritte Welt“

Durch Untersuchung der Feldstudienplanung und -praxis von Ökologen und Nationalparkplanern in den 1960er und 1970er Jahren wirft diese Forschungsarbeit auch ein neues Licht auf die Entstehung des globalen Umweltschutzes und seine Verbreitung in der damaligen „Dritten Welt“. Obgleich die Idee der nachhaltigen Entwicklung erst nach den späten 1970er Jahren aufkam, mussten sich die in aufstrebenden Ländern tätigen US-Nationalparkplaner mit den Entwicklungsbestrebungen der örtlichen Regierung und Wissenschaftler ins Benehmen setzen. Mitte der 1960er Jahre entwickelte Harold Jefferson Coolidge (1904–85), Vorsitzender des Nationalparkdienstes der Weltnaturschutzunion (IUCN), zusammen mit amerikanischen Ökologen der Smithsonian Institution einen langfristigen (wenn auch nicht umgesetzten) Plan zur Untersuchung des DMZ-Ökosystems und zur Ausweisung des Gebiets als Forschungspark. Die erste Priorität im Planungsprozess war, die örtliche Regierung von der Notwendigkeit einer Ausweisung als Forschungspark zu überzeugen – daher wurde die Meinung vertreten, dass die Praktiken des Naturschutzes und die Umweltforschung für die Entwicklungsbestrebungen der örtlichen Regierung von Vorteil seien. Die US-Wissenschaftler und Umweltschützer konnten das Entwicklungsbestreben der Südkoreaner nicht ignorieren, denn die US-Regierung unterstützte die wirtschaftliche Entwicklung des geteilten Landes, das als Vorzeigeprojekt für den kapitalistischen Westen dienen sollte, in hohem Maße. Die einheimischen Wissenschaftler bemühten sich auch darum, ihre Umweltforschung in dem nationalen Fünfjahresplan zur wirtschaftlichen Entwicklung unterzubringen. In dieser Hinsicht war die DMZ ein frühes Testfeld für die Verbindung von Umweltschutz und wirtschaftlicher Entwicklung.

Cover page of the propagandist booklet "Nature in Korea"
Page of the propagandist booklet Nature in Korea (“DMZ” section)

Titelseite der Propagandabroschüre Nature in Korea (links) und des dortigen Kapitels „DMZ“ (rechts). Quelle: The Korean Commission for Conservation of Nature and Natural Resources, Nature in Korea (Seoul: The Bureau of Cultural Property Preservation, Ministry of Culture and Information, 1970).

Tradition, Nationalismus und Nationenbildung

Ökologen und Umweltschützer aus den USA mussten die nationalistische Aneignung verschiedener Feldstudien von Seiten einheimischer Wissenschaftler in Kauf nehmen. So wurden Feldstudien unternommen, deren Ziel es war, die Vorstellung einer unberührten Natur der Nation jenseits der Bedrohungen durch Kommunismus, Imperialismus und Moderne zu schaffen. Seit der Kolonialherrschaft Japans hatten die Südkoreaner eine Tradition entwickelt, Wanderforschung zu betreiben, d. h. die Freizeitaktivitäten des Wanderns mit naturkundlichen Forschungen zu verbinden, um die nationale Fauna und Flora zu erkunden, die in der Lage wäre, die Einzigartigkeit der Nation zu repräsentieren. In einem materialistischen und symbolischen Regimewettbewerb mit Nordkorea setzten einheimische Wissenschaftler diese Praktiken der Wandertradition in der DMZ bei einer gemeinsamen Feldstudie mit den USA fort, obgleich das Projekt eigentlich als „ökologische Studie“ lief. So wurde im Busch der DMZ nach nationalen Tieren und Pflanzen wie Tigern und Kiefern gesucht, die angeblich vom japanischen Kolonialismus bedroht waren. Weder das US-Militär als Finanzgeber noch die wissenschaftlichen Mitarbeiter aus den USA waren an einer solchen Arbeit interessiert. Gelegentlich gab es daher Auseinandersetzungen mit den einheimischen Wissenschaftlern, bei denen der koreanischen Seite ein Unverständnis der Ökologie und „primitiver“ Naturalismus vorgeworfen wurde. Bald hatte man jedoch verstanden, dass es besser war, die Südkoreaner ihre Feldstudien fortsetzen zu lassen: Nur Koreaner konnten hier langfristig forschen, und nur sie besaßen das örtliche Feldwissen. Die koreanischen Wissenschaftler publizierten die Feldstudienergebnisse am Ende in einem Propagandabuch der Regierung, in dem die DMZ als ein Vorzeigeprojekt für „die Wiederherstellung der koreanischen Natur“ beschrieben wird (Kŭmsugangsan). Damit wurde diese Umweltkooperation zu einem Mittel der Nationenbildung.

Vegetation Control Plan CY 68
Vegetation Control Plan CY 68 containing the information about spraying Agent Orange in the DMZ

Der Bewuchskontrollplan CY 68 mit Informationen über den Einsatz von Agent Orange in der DMZ. Quelle: J. E. Buckner, Final Report, Vegetation Control Plan CY 68, Prepared for the Combat Developments Command (Chemical-Biological-Radiological Agency, Fort McClellan, Alabama, June 2, 1969).

Das ambivalente Vermächtnis der Militärökologie

In letzter Zeit wird die DMZ durch die örtliche Regierung und externe Beobachter in den Fokus einer „grünen“ Sicherheitsdiplomatie gestellt (Lisa Brady, "Korea’s Green Ribbon of Hope: History, Ecology, and Activism in the DMZ”). Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in versprach bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2019, die DMZ in einen „friedens- und kooperationsorientierten Distrikt“ zu verwandeln. Sein Vorschlag ist eine weitere Formulierung der DMZ-Diplomatie, wie sie auch seine Vorgänger seit Anfang der 1990er Jahre betrieben haben. Die Haupttaktiken, um Nordkorea an den Verhandlungstisch zu bringen, sind dabei die Zusammenarbeit und Forschung im Bereich Umwelt sowie der Ökotourismus in der Zone. Die aktuelle Umweltdiplomatie setzt auf eine bestimmte Version des Umweltkonzepts für die DMZ, das von Militärökologen geschaffen wurde. Jedoch wird die andere Seite ihrer wissenschaftlichen Aktivitäten, die während des Kalten Krieges betrieben wurden, dabei nicht ausreichend berücksichtigt. Jaehwan Hyuns Projekt berichtet uns von dem ambivalenten Vermächtnis der Militärökologie. Während US-Ökologen beispielsweise einerseits Naturschutz und Forschung im Grenzgebiet forderten, rieten sie dem Militär ebenso, Agent Orange zur Entlaubung von Bäumen und Pflanzen einzusetzen. Das vorliegende Projekt versucht, diese ambivalente Natur des militärischen Umweltschutzes und die Rolle der Wissenschaft bei der Bildung von Militärlandschaften während des Kalten Krieges näher zu beleuchten.