Forschungsthemen

Bauplan des Labors für Multimodale Geschichte. Quelle: Nicola Schüller, Architekturbüro Günther GmbH.

Nr 89
Labor für Multimodale Geschichte: Ein inklusiver Raum für audiovisuelle Experimente und kooperative Forschung

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Wissenschaftsgeschichte ihren Wirkungskreis erweitert. Inzwischen nehmen neben professionellen Wissenschaftler:innen auch immer mehr Akteure aus unterschiedlichsten Bereichen, die bisher wenig Einfluss hatten, eine zentrale Rolle ein – von Fachkräften im Gesundheitswesen und Umweltaktivist:innen bis hin zu Patient:innen und Verbraucher:innen. Die neuen historiografischen Perspektiven, die sich durch diese Ausweitung eröffnen, haben der Disziplin zu frischem Schwung verholfen. Parallel dazu begeben sich Wissenschaftler:innen auch außerhalb der Bibliotheken und Archive in weniger vertraute Gefilde. Immer häufiger lernen wir nicht nur aus Dokumenten und Archivalien, sondern auch viel unmittelbarer von verschiedenen Communitys etwas über die Vergangenheit.

Mit diesen neuen Formen des Engagements treten bisher ungelöste ethische und praktische Probleme deutlicher in den Vordergrund. Ethisch, weil Forschung, die nicht nur auf die Betroffenen gerichtet ist, sondern diese auf sinnvolle und partizipative Weise einbezieht, eine besondere Sorgfaltspflicht verlangt; praktisch, denn um den Anforderungen an eine kooperative, kollaborative Forschung gerecht zu werden, muss normalerweise mit verschiedenen Methoden, Genres und Formaten experimentiert werden – von Oral History und Ethnografie bis hin zu Filmaufnahmen und dem Aufbau von Community-Archiven. Um diese neuen Arbeitsweisen weiterzuentwickeln und gleichzeitig kritisch zu hinterfragen, haben wir das Labor für Multimodale Geschichte in der von Etienne Benson geleiteten Abteilung „Knowledge Systems and Collective Life“ am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ins Leben gerufen.

Magazine with a black and white image of a boy.

Ein Forschungspartner zeigt während eines Oral-History-Interviews private Dokumente. Quelle: Eddie Bolger.

Von lebenden Personen über die Vergangenheit lernen

Das im September 2025 eröffnete Labor für Multimodale Geschichte bietet Forschenden und Fachkräften am Institut die Ausstattung, das Fachwissen und den physischen Raum und ethische Strukturen für eine echte Zusammenarbeit auf höchstem wissenschaftlichen Niveau, die fachspezifische und politische Grenzen überwindet. Es soll nicht nur einen Blick über den Tellerrand der Disziplin ermöglichen, sondern auch eine historische Perspektive in den öffentlichen Diskurs einbringen – zum Beispiel durch die Vermittlung zwischen professionellen und Laien-Experten mit divergierenden Wahrheitsansprüchen im Bereich der öffentlichen Gesundheit oder der Umwelt wie auch bei anderen Themen.

Die praktische Arbeit des Labors stützt sich auf drei zentrale, miteinander verknüpfte Ansätze: 1. Oral History, Ethnographie und andere interviewähnliche Methoden, in denen Menschen Wissen über die Vergangenheit vermitteln; 2. nicht-nur-textbasierte Formen der Forschung und Kommunikation, darunter wissenschaftliche Arbeit mit Audioquellen und Filmproduktion und 3. integrative kooperative Forschung mit nicht-akademischen Partner:innen auf Augenhöhe. Dabei geht es in erster Linie darum, die Zusammenarbeit mit diesen Partner:innen im Bereich der historischen Forschung und Kommunikation zu unterstützen. Dazu können Oral History und audiovisuelle Medien einen Beitrag leisten.

Einführung der Multimodalen Geschichte

Unser neuartiges Konzept der multimodalen Geschichte geht auf einen lebhaften Diskurs in der Anthropologie zurück, der inzwischen auch im Bereich der Geschichtswissenschafte geführt wird. In den vergangenen Jahren haben Anthropolog:innen den Begriff „multimodal“ auch für Methoden der visuellen Anthropologie verwendet, die neben nicht-textuellen auch auf andere Verfahren zurückgreifen, darunter multisensorische Praktiken wie Performance, Tanz oder Kochen. Für unsere Zwecke ist es ganz entscheidend, dass Anthropolog:innen mit diesem Begriff auch Formen der Zusammenarbeit mit gleichberechtigten Nichtwissenschaftler:innen in Forschung und Kommunikation beschreiben. Der Begriff „multimodal“ umfasst also neben multimedialen und multisensorischen auch zahlreiche weitere Formen des Engagements.

Participants of the Lab's workshop filming on the outside.

Dreharbeiten in Berlin für den vom Labor veranstalteten Essayfilm-Kurs. Quelle: Eddie Bolger.

Natürlich hat sich die Geschichtswissenschaft wie auch die Anthropologie immer multimodaler Methoden bedient: man denke nur an Museen, Dokumentarfilme, historische Nachstellungen, Stadtrundgänge, Oral History, Public History und vieles mehr. Allerdings haben sich Historiker:innen bisher nicht ausdrücklich mit dem Begriff der Multimodalität auseinandergesetzt, der auf nützliche Weise die drei zentralen Arbeitsbereiche des Labors in sich vereint – Oral History, audiovisuelle Medien und kooperative Forschung –, gleichzeitig aber auch einen relativ großen Interpretationsspielraum offen lässt. Hier sehen wir eine Gelegenheit für methologische Erweiterungen der Geschichtswissenschaften, indem wir im Austausch mit Kolleg:innen aus den Bereichen Oral History, Anthropologie, kritische Archivarbeit, Journalismus oder Film, um nur einige zu nennen, ein eigenes Instrumentarium sowie eine eigene Ethik und Politik der Sorge entwickeln.

Verantwortungsvolle Wissensproduktion

Um auf dem aktuellsten Stand zu bleiben und gleichzeitig ethischen Ansprüchen gerecht zu werden, benötigt die multimodale Forschung eine Reihe materieller und intellektueller Ressourcen. In den Räumen des Labors befindet sich ein Schallschutzraum, der sich je nach Bedarf für Sitzungen, Schulungen, Audio- und Videoaufnahmen, Testvorführungen und Hörsitzungen umbauen lässt. Das Labor verfügt über die nötige Ausstattung für die Produktion von neuen Oral-History-Interviews, Podcasts, Essayfilmen und anderen experimentellen Formen der audiovisuellen Forschung und Kommunikation. Zudem gibt es Leihausrüstungen für Feldforschungen und einen Arbeitsplatz für Transkription und Videobearbeitung.

Researchers during a workshop organized by the Lab.

Wissenschaftler:innen während eines Workshops des Labors.

Das Labor soll Forschenden die weniger fassbaren, aber nicht minder wichtigen Werkzeuge an die Hand geben, um auf verantwortungsvolle Weise – also mit der gebotenen Sorgfalt und Rücksicht – Partnerschaften mit Communitys zu entwickeln. Diese verantwortungsvolle Umgebung steht im Einklang mit der intellektuellen und politischen Kernaufgabe der Abteilung, die darauf gerichtet ist, Wissensproduktion aus historischer Perspektiver als beziehungsbildende Aktivität zu betrachten. Für die Produktion von historischem Wissen bedeutet dies, dass wir uns als Historiker:innen unserer eigenen Relationalität bewusst sind und uns diesbezüglich kritisch hinterfragen.

Projekte, Schulungen und Partnerschaften

In Rahmen einer Projektreihe können Forschende in den kommenden Jahren in Zusammenarbeit mit dem Labor das Konzept der multimodalen Geschichte und seine vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und Kommunikation entwickeln und erproben. Dafür bieten wir technische Unterstützung und Beratung in ethischen und rechtlichen Fragen, unter anderem im Rahmen von Ethik-Workshops, Oral-History-Schulungen und einem Crashkurs in Filmproduktion.

Parallel zum Labor bietet eine Veranstaltungsreihe der Arbeitsgruppe „Living Knowledge“ Gelegenheit, über Methoden, ethische Fragestellungen und Quellen der Oral History, kritischen Archivarbeit und damit verknüpfter Bereiche zu diskutieren. Ein Sammelband befindet sich in Arbeit. Darüber hinaus unterstützen wir den Aufbau von CORAL (Commoning Oral Histories of Knowledge), einer digitalen Plattform, auf der Forschende institutionsübergreifend nach Oral-History-Interviews zu spezifischen Themen suchen und den Inhalt und die Verteilung von Interviews innerhalb der einzelnen themenbezogenen Sammlungen analysieren können.

Over thirty books on the Lab's bookshelf.

Von der Forschungsbibliothek erworbene Oral-History-Bücher für die Sammlung des Labors.

Ein wesentlicher Beitrag zum Aufbau des Labors kam von Mitarbeitenden der Bibliothek, einer studentischen Hilfskraft, einem externen Medienberater und einem Institutsteam mit Expert:innen aus den Bereichen audiovisuelle Produktion, Kommunikation, Datenverwaltung und Digital Humanities. Darüber hinaus versorgt uns ein internationales Beratungsgremium, das „Sounding Board,“ mit Fachwissen in Oral History, Ethnografie und Filmproduktion. Im Rahmen einer umfassenderen Strategie wollen wir Brücken schlagen – über das Institut und den Fachbereich hinaus – und bemühen uns auch außerhalb unserer unmittelbaren Umgebung aktiv um Partnerschaften mit Veranstaltungsorten, Journalist:innen, Filmemacher:innen, Künstler:innen und Communitys. Solche Kontakte leisten einen entscheidenden Beitrag zum Ziel des Labors, Wissenschaftler:innen zu einer verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit neuen, inklusiveren Formen des Engagements zu ermutigen und gleichzeitig historische Perspektiven in die öffentlichkeitswirksamen Grundsatzdebatten unserer Zeit einzubringen.