Wissenschaftlerinnen im Fokus

Butterfly Argynnis aglaja. Source: Linnaeus (1758), Europeana 11621.

Nr 1
Dr. Dora Ilse: Die Sinne der Schmetterlinge
Wie finden Schmetterlinge die Nahrung? Riechen sie den Nektar oder sehen sie die Farben? Haben sie überhaupt einen Farbensinn? Die Biologin Dora Ilse (9. Oktober 1898–21. Oktober 1979) ist diesen Fragen nachgegangen und hat zwischen 1922 und 1928 Tagfalter beobachtet, also Schmetterlinge, die bei Tage aktiv sind.

 

Die Ergebnisse fasste sie in ihrer Doktorarbeit zusammen, die 1928 unter dem Titel Über den Farbensinn der Tagfalter in der Zeitschrift für vergleichende Physiologie erschien. Die Forscherin hatte zunächst in Berlin und danach in Göttingen Botanik und Zoologie studiert. Sie startete mit Freilandversuchen „im Molkengrund, einem sehr geschützt liegenden Tale bei Göttingen“, das besonders von den Großen Perlmutterfaltern (Argynnis aglaja) angeflogen wurde (Abb. 1).

 

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Abb. 1. Argynnis aglaja. Linnaeus (1758), Europeana 11621.

Durch Beobachtung stellte sie eine Vorliebe dieser Schmetterlinge für blaue, violette und purpurne Blumen fest; anschließend fabrizierte sie Attrappen und verteilte auf der Wiese diese „künstlichen Blüten in Sternform“ aus Buntpapier mit normierten Pigmenten, um die Farben genauer bestimmen zu können. Nun beobachtete sie, wie die Schmetterlinge auch den Papierblumen Besuche abstatteten: “Bei den hier beobachteten ‚Besuchen‘ betastete Argynnis aglaja außerdem noch die Pigmentblüte, genau wie die echten Ajuga-Blüten, mit entrolltem Rüssel: Rüsselreaktion. Es handelte sich also um eine eindeutige Nahrungsreaktion”. Damit nicht genug. Die Schmetterlinge hatten einen Farbensinn, aber war dieser angeboren oder durch Erfahrung erworben? Dora Ilse züchtete nun im Labor Tagfalter verschiedener Sorten und machte einige Experimente unter kontrollierten Bedingungen. In den Laborversuchen besaßen die Papierblüten farblose Glasröhrchen mit Futtersaft (Abb. 2). Es mag uns wundern, aber auch Schmetterlinge, wie andere Insekte, können dressiert werden: „Hierbei werden die Tiere längere Zeit auf einer bestimmten Farbe gefüttert, so dass sich eine Assoziation Dressurfarbe-Futter bildet; schließlich vermag auch die ohne Futter dargebotene Farbe eine Nahrungsreaktion auszulösen. Die Reaktion auf die Farbe ist also in diesem Fall sekundär erworben“.

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Fig. 2. Experiments with paper flowers. Source: Ilse, Dora. "Über den Farbensinn der Tagfalter." Zeitschrift für vergleichende Physiologie, 8, 1928, 658–692.

Die langwierigen, genau geschilderten Experimente führten zu wichtigen Ergebnissen: Dora Ilse konnte nachweisen, dass die Tagfalter einen Farbensinn besitzen und dass die meisten von ihnen die Blüten sowohl durch die Farbe als auch durch den Duft beim ersten Anflug entdecken.

Für die junge Forscherin schien der Weg in die Wissenschaft nun frei: Dr. Dora Ilse erhielt direkt nach ihrer Promotion eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin am erbbiologischen Archiv in Bonn, wechselte 1931 als wissenschaftlicher Gast an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin Dahlem und wurde 1933 vom Bienenforscher und späteren Nobelpreisträger Karl von Frisch als Assistentin an das Münchener Zoologische Institut berufen. Jedoch durfte sie nach Hitlers Machtergreifung und Inkrafttreten des diskriminierenden Gesetzes „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wegen jüdischer Herkunft nicht als Wissenschaftlerin arbeiten. Sie konnte bloß als private Hilfskraft am Zoologischen Institut tätig sein und leistete unbezahlte wissenschaftliche Arbeit bei der Produktion von Unterrichtsfilmen.

1935 ging sie nach Großbritannien ins Exil, wo sie bis 1952 lebte und Biologie an Schulen unterrichtete. Nebenbei veröffentlichte sie Artikel in Nature und in den Proceedings of the Royal Philosophical Society of Glasgow. 1938–1939 hielt sie in Amerika eine Reihe von Vorträgen, ergänzt mit wissenschaftlichen Filmen.

Auf einer Deutschlandreise 1951 bemühte sie sich, die Lage in der Heimat einzuschätzen, und suchte das Gespräch mit alten Bekannten. Aus München schrieb sie an den Biologen Georg Melchers, den sie aus der Göttinger Zeit kannte und schätzte: “Wichtiger als mein persönliches Gefühl ist mir der Wunsch, mitzuhelfen, dass solche Dinge nie wieder passieren werden.”

Dr. Dora Ilse nahm erst zwischen 1952 und 1955 ihre wissenschaftliche Tätigkeit als Zoologin wieder auf, nämlich an der 1948 gegründeten Universität in Pune, Indien, wo sie half, das Zoologische Institut aufzubauen. Einige Veröffentlichungen mit indischen Kollegen und ihr Briefwechsel aus den 1950er Jahren zeugen von ihrem Engagement als Wissenschaftlerin und Mentorin. In diese Zeit fällt auch ihre Übersetzung: The Dancing Bees von Karl von Frischs: Aus dem Leben der Bienen. Ihr weiterer Werdegang ist unbekannt; sie starb 1979 in München.