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In Memoriam: Wolfgang Lefèvre (1941–2025)

Mit tiefer Trauer gibt das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG) den Tod unseres hochgeschätzten Kollegen Wolfgang Lefèvre bekannt, der am 25. Dezember 2025 verstorben ist.

Wolfgang Lefèvre war ein Historiker mit einem tiefen und weitgefassten Verständnis für die Geschichte der Wissenschaft und Technik im frühneuzeitlichen Europa und darüber hinaus. Seine Forschung zeichnete sich durch ein anhaltendes Engagement aus, die materiellen, begrifflichen und sozialen Grundlagen von Wissen sichtbar zu machen. Als Intellektueller verkörperte er den Geist der kritischen Auseinandersetzung, indem er akribische historische Analyse meisterhaft mit grundlegenden Reflexionen über das Wesen technischen Handelns und wissenschaftlicher Ideen verband.

Seine wissenschaftlichen Beiträge reichten von Studien zur Geschichte deutscher Denker wie Max Weber, Karl Marx und Friedrich Engels, über die Philosophie der Aufklärung bis hin zur Erforschung von Visualisierung und materieller Wissenskultur. Er spielte eine entscheidende Rolle dabei, das Forschungsfeld auf die Untersuchung der Werkzeuge, Bilder und Werkstattpraktiken auszurichten, die der Wissenschaft zugrunde liegen, und stellte damit Narrative infrage, die sich ausschließlich auf Theorie und Genie konzentrieren. Diese wegweisende „Praxistheorie“ kommt exemplarisch in dem von ihm herausgegebenen einflussreichen Band Picturing Machines 1400–1700 zum Ausdruck. In seinen späteren Arbeiten – insbesondere in seinen Überlegungen zu Immanuel Kant, Ludwig Feuerbach und den Grenzen der Ethik – kehrte er immer wieder zu einer Frage zurück, die sein gesamtes wissenschaftliches Schaffen prägte: Wie bleiben moralisches und wissenschaftliches Denken den materiellen, historischen und sozialen Bedingungen verpflichtet, aus denen sie hervorgehen.

Als langjähriges Mitglied des MPIWG – seit dessen Gründung im Jahr 1994 – in der von Jürgen Renn geleiteten Abteilung, war Wolfgang maßgeblich an der Prägung des besonderen Profils des Instituts beteiligt. Er erfüllte sein Wirken mit einem seltenen doppelten Verantwortungsbewusstsein: einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, geprägt durch seine frühe intellektuelle Ausbildung bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, sowie einer tiefen Verantwortung gegenüber dem wissenschaftlichen Feld selbst.

Kolleginnen und Kollegen werden Wolfgang als einen wahren Gentleman in Erinnerung behalten: gründlich, mit einem streitbaren und zugleich prinzipientreuen Intellekt, stets bereit, im Dienste der Klarheit eine herausfordernde Perspektive einzubringen. Auf charmante Weise großzügig, entfaltete er seine Wirkung durch die Solidität seiner Forschung, die Strenge seiner Kritik und eine unerschütterliche Verpflichtung zur historischen Arbeit. Jede Begegnung mit ihm – sei es im flüchtigen Gespräch oder im schriftlichen Austausch über Distanz – regte zum Nachdenken an. Sein Werk bietet weiterhin unverzichtbare Bezugspunkte für Historikerinnen und Historiker, die sich mit den epistemischen, materiellen und kulturellen Dimensionen der Wissenschaft befassen. Wenige Komplimente an einen Gelehrten sind höher zu bewerten.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden sowie seinen Kolleginnen und Kollegen. Wolfgang wird uns sehr fehlen und wir werden ihn mit größtem Respekt und in liebevoller Erinnerung behalten.

Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte