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In Memoriam: Renate Wahsner (1938–2026)

Das Institut trauert um Renate Wahsner, die am 22. Januar 2026 verstorben ist. Mit ihrem Tod verliert das Institut eine Gelehrte, deren Werk über viele Jahre hinweg einen eigenständigen und intellektuell anspruchsvollen Beitrag zur Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften geleistet hat.

Renate Wahsner trat 1995 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in die von Jürgen Renn geleitete Abteilung des Instituts ein, wo sie sich mit grundlegenden Fragen zur begrifflichen Struktur der modernen Wissenschaft befasste. Ihr Werk war geprägt von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem Deutschen Idealismus – vor allem mit Hegel – und dessen Bedeutung für das Verständnis des erkenntnistheoretischen Status der Physik von der frühen Neuzeit bis ins 19. und 20. Jahrhundert.

Ein zentrales Thema ihrer Forschung bildete das Verhältnis von Philosophie und Naturwissenschaften. Wahsner wandte sich immer wieder gegen vereinfachende Vorstellungen einer strikten Trennung zwischen wissenschaftlicher Praxis und philosophischer Reflexion. In detaillierten historischen und begrifflichen Analysen untersuchte sie unter anderem den Newtonianismus, mechanistische und organische Weltbilder, den Begriff des Naturgesetzes, das Problem der Objektivität sowie die Rolle der Metaphysik im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Gestalten wie Newton, Kant, Mach, Voltaire, Maupertuis, Wolff und Hegel standen im Zentrum ihrer Arbeiten – nicht als vereinzelte Denker, sondern als Akteure langfristiger Debatten über das Wesen wissenschaftlicher Erklärung.

Viele ihrer Publikationen zeichneten sich durch eine ungewöhnliche Verbindung von philosophischer Tiefenschärfe und genauer Aufmerksamkeit für die innere Logik wissenschaftlicher Theorien aus. Ihre Schriften widersetzten sich modischen Vereinfachungen und bestanden stattdessen auf begrifflicher Präzision, historischer Verantwortung und einer kritischen Haltung gegenüber sowohl positivistischen als auch rein spekulativen Ansätzen.

Innerhalb der intellektuellen Landschaft des Instituts verkörperte Renate Wahsner eine Stimme, die beharrlich grundlegende Fragen stellte: nach der Bedeutung wissenschaftlicher Begriffe, nach den historischen Bedingungen ihrer Entstehung und nach den Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis selbst. Ihr Werk bleibt ein wichtiger Bezugspunkt für alle, die sich für die philosophischen Dimensionen der Wissenschaftsgeschichte interessieren.

Das Institut gedenkt Renate Wahsners und würdigt ihren bleibenden Beitrag zum geistigen Leben des Instituts. Unser tiefes Mitgefühl gilt ihrer Familie, ihren Freundinnen und Freunden sowie ihren Kolleginnen und Kollegen.