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Kosmische Spiele und Astralwissenschaften auf der Berlin Science Week 2025

In einer Zeit wachsender Unsicherheit ziehen uns das Unmittelbare, die neuesten Meldungen aus dem „Hier und Jetzt“ in ihren Bann und stellen sich unserer Vorstellungskraft in den Weg. Angesichts einer derart raschen gesellschaftlichen Transformation hat uns die Berlin Science Week frei nach ihrem aktuellen Motto „Beyond Now“ gebeten, über das „Hier und Jetzt“ hinweg Visionen für die Zukunft zu entwickeln.

Wie lässt sich die Disziplin der Astralwissenschaften über die Gegenwart hinaus einem breiteren nicht-akademischen Publikum aller Altersgruppen näherbringen, ohne den wissenschaftlichen Wert der akademischen Forschung aus dem Blick zu verlieren? Wie vermittelt man eine Vorstellung davon, dass Spiele in den Astralwissenschaften einen zentralen Stellenwert einnehmen? Wie lassen sich antike Spiele überhaupt rekonstruieren?

Diesen Fragen hat sich die Forschungsgruppe „Astral Sciences in Trans-Regional Asia“ (ASTRA) anlässlich der Berlin Science Week 2025 in einer Ausstellung und einem Workshop im Museum für Naturkunde am 1. und 2. November gewidmet. Etwa sechs Monate zuvor haben wir mit der Planung unseres Beitrags begonnen. In enger Zusammenarbeit mit Stephanie Hood und dem Team für Wissenschaftskommunikation und -management haben wir ein Zugänglichkeitskonzept für die Ausstellung entwickelt – mit taktilen Würfeln, Kartenhaltern, Lupen, Braille-Texten, deutschen Übersetzungen und Texten in einfacher Sprache – in Übereinstimmung mit dem kontinuierlichen Engagement des Instituts für Barrierefreiheit in der öffentlichen Kommunikation

Astronomical Chess

Astronomical Chess, Libro de los Juegos, 1283. Photo: Verena Braun, 2025.

Cosmic Games: Real Gods Play Dice

Das Konzept unserer Ausstellung mit einer großen Auswahl antiker Brettspiele aus ganz Asien stammt von Jacob Schmidt-Madsen, die Koordination hat Ole Birk Laursen übernommen. Bei der praktischen Umsetzung unserer Ideen hat uns unsere studentische Hilfskraft bei ASTRA, Mariana Chisté Reinhardt, unterstützt, die alles von Wandtafeln über Flyer und Karten bis hin zu Tischdecken entworfen hat.

Für alle Wissenshungrigen haben wir auf Wandtafeln und Flyern zusätzliche Hintergrundinformationen und historische Fakten bereitgestellt und erklärt, wie Brettspielmodelle des Universums dazu dienen können, die Zusammenhänge des Kosmos zu verstehen und seinen Einfluss auf die Geschicke seiner Bewohner:innen vorherzusagen.

Wir haben zwölf Flipcards entworfen, die auf der einen Seite eine astronomische Karte oder Illustration und auf der anderen zusätzliche Informationen über die Verbindung zwischen Astralwissenschaften und Spielen zeigen. Mit einigen dieser Karten konnten die Besucher*innen ein einfaches Memory spielen, um ihr Erinnerungsvermögen und ihre Lernergebnisse zu testen.

Unser Pièce de Résistance war das astronomische Schachspiel, ein altes arabisches Spiel, das die Umlaufbahnen der Planeten und die Wechselhaftigkeit des Schicksals veranschaulicht. Auf Grundlage einer handschriftlichen Illustration haben wir einen Entwurf des astronomischen Schachspiels erstellt und auf eine passende Tischdecke für einen runden Stehtisch gedruckt. Wie in dem darauf abgebildeten Universum sind auch im Spiel Anfang und Ende nicht klar definiert, was Hunderte von Besucher:innen dazu motiviert hat, „Beyond Now“, über das Hier und Jetzt hinauszublicken.

Jacob Schmidt-Madsen

Jacob Schmidt-Madsen explaining the rules of Senet. Photo: Verena Braun, 2025.

Playing with the Past: Reconstructing Ancient Games

Stellen Sie sich vor, Sie stoßen als Wissenschaftsdetektiv:in auf der Suche nach alten Spielen in Tempeln irgendwo in Ägypten, Mesopotamien oder im Indus-Tal auf Überreste, die von einem Spiel stammen könnten. Vielleicht finden Sie Textpassagen, visuelle Hinweise oder kennen ähnliche Spiele aus demselben Gebiet oder Zeitalter. Wie rekonstruieren Sie ein solches Spiel? Genau das war das Konzept unseres Workshops „Playing with the Past: Reconstructing Ancient Games“.

Nach einer 15-minütigen Einführung in die Arbeit der Spielforschung – anhand von Text-, Bild- und anderen Materialien sowie ethnografischen Quellen – teilte Jacob die 20 Workshop-Teilnehmer:innen in fünf Gruppen auf. Jede Gruppe erhielt ein Dossier sowie einige grundlegende Hinweise und zentrale Fragestellungen. Anschließend bestand die Aufgabe darin, ein Spiel anhand weniger gesicherter Erkenntnisse zu rekonstruieren. Jacob hatte in der Einführung klargestellt, dass die Spielregeln häufig nicht bekannt sind, da die Spiele aus mündlichen Kulturen stammen und sich ihre Regeln häufig zusammen mit den verschiedenen Kulturen und Sprachen verändert haben.

Mit dem Wissen, dass es kein Richtig oder Falsch gibt, sollten die Gruppen anschließend den Sinn ihres jeweiligen Spiels erfassen. Dabei ging es nicht nur darum, die Spielregeln zu rekonstruieren, sondern sich auch Gedanken zum sozialen Kontext und zur sozialen Funktion des Spiels sowie darüber zu machen, welchen symbolischen und repräsentativen Wert es einst gehabt haben könnte.

Daraus ergaben sich neue Erkenntnisse für die Geschichte der Spiele und ein grundlegenderes Verständnis von der Arbeit der Spielforschung. Einigen Teilnehmer:innen gelang es trotz anfänglicher Verwirrung, ihr Spiel zu rekonstruieren. Andere waren sogar in der Lage, die Regeln eines chilenischen Spiels in vielen Punkten genauso nachzuvollziehen, wie es Spielforscher bereits vor ihnen getan hatten. Einige konnten sich nicht von ihrem in Teilen westlichen Blick auf ein ägyptisches Spiel lösen, andere wiederum machten sich Gedanken über Weissagung, Spiritualität und die Unmöglichkeit eines „endgültigen Ziels“ in einem göttlichen Spiel mit dem ewigen Himmel.

Workshop participants at the Berlin Science Week

Workshop participants at Berlin Science Week 2025 attempt to reconstruct the rules of the board game Mehen. Photo: Verena Braun, 2025.

Überlegungen zu den Astralwissenschaften der Zukunft

Unsere Ausstellung lockte über 1.000 Besucher:innen an. Einige von ihnen blieben länger, stellten Fragen zu den Spielen und wollten sie ausprobieren. Andere gingen nach einem kurzen Blick weiter. Kinder wollten vor allem Spielen, während ihre Eltern und die Erwachsenen mehr über die Verbindung zwischen Spielen und Astralwissenschaften erfahren wollten. Der übliche Trubel auf einer wie immer gut besuchten Berlin Science Week.

Während die Besucher:innen unserer Ausstellung nach Belieben kommen und gehen konnten, war der Workshop auf 20 Teilnehmer:innen begrenzt. Nach Beginn der Anmeldefrist war das kostenlose Angebot innerhalb eines Tages ausgebucht. 20 Personen hatten sich auf die Warteliste setzen lassen. Selbst am Tag der Veranstaltung kamen noch Menschen in der Hoffnung auf einen Platz.

Die Attraktivität der Ausstellung und der Erfolg des Workshops sind für die ASTRA-Forschungsgruppe nicht nur ein Beleg für die Kraft, die ein Blick über das Hier und Jetzt hinaus, „Beyond Now“, haben kann, sondern auch für die Wahrnehmung der Astralwissenschaften als Spielfeld für kollektive Zukunftsvisionen und für den grundsätzlichen Wunsch, die Vergangenheit auf spielerische Weise mit der Zukunft zu verbinden.