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Ein Rückblick auf fotografische Praktiken des 19. Jahrhunderts: Ein Workshop mit Maximilian Zeitler

Verfasst und übersetzt von Lena Kasten und Megan Briers

Weitgehend in Vergessenheit geratene fotografische Praktiken spielen eine wichtige, wenn auch vielfältige Rolle in den Promotionsprojekten von Jonathan Haid, Megan Briers und Lena Kasten, die im Rahmen der International Max Planck Research School (IMPRS) “Knowledge and Its Resources: Historical Reciprocities” am MPIWG durchgeführt werden. Im Rahmen der IMPRS konnten sie einen zweitägigen Workshop mit dem Titel „Photographic Practices of the Nineteenth Century“ (4.–5. März 2026) organisieren, der einen theoretischen und einen praktischen Tag umfasste.

Black and white group picture of workshop participants

Dry gelatine photograph of workshop participants.
Source: Maximillian Zeitler

Einblick in experimentelle Kulturen der frühen Fotografie

Anstatt an einem der ersten Frühlingstage die Sonne zu genießen, versammelten wir uns um ein Waschbecken in einer Dunkelkammer, die nur spärlich von rotem und orangefarbenem Licht beleuchtet war. Während wir beobachteten, wie eine milchige Glasplatte behutsam hin und her bewegt wurde, begannen sich auf ihrer Oberfläche erste, schemenhafte Umrisse abzuzeichnen. Voller Ehrfurcht beobachteten wir, eine Gruppe bestehend aus Wissenschaftshistoriker:innen, Kunsthistoriker:innen und Medienwissenschaftler:innen, die Platte, die anschließend abgespült wurde. Nach und nach verdichteten sich die feinen Linien zu dunklen Flecken und enthüllten allmählich den Negativabdruck eines Bildes, das wir kurz zuvor im Nebenraum aufgenommen hatten. Während er die Platte in eine Schale mit Fixierlösung tauchte, bemerkte Maximilian Zeitler, der Fotograf, der die Platte während des gesamten Vorgangs gehalten hatte, dass uns die fotografischen Praktiken des 19. Jahrhunderts heute fast wie Alchemie erscheinen.

Picture of a photo being developed in a dark room with red light

Max developing and rinsing a dry gelatine plate, see Picture 6 for the final result.
Source: Lena Kasten

Dass die meisten Menschen beim Fotografieren heute kaum noch mit den technischen Prozessen vertraut sind, die ein Bild überhaupt entstehen lassen, verweist nicht zuletzt auf die rasante technologische Entwicklung der Fotografie, deren Ursprünge bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Dieser heutigen Selbstverständlichkeit stand in den Anfängen der Fotografie ein Prozess der Bildherstellung gegenüber, der in hohem Maße experimentell und mit ungewissen Ausgang verbunden war. Fotograf:innen des 19. Jahrhunderts mussten nicht nur die richtige Kombination aus Wetter, Licht und Arbeitsbedingungen beherrschen, sondern auch geeignete Objektive, Glasplatten, Emulsionen, Papiersorten und Silbersalze auswählen, um den jeweiligen Anforderungen gerecht zu werden, bevor sie sich dem eigentlichen Entwicklungsprozess widmen konnten.

Picture of a collodion wet plate being rinsed under a tap

Rinsing of the Collodion wet plate to stop the development.
Source: Lena Kasten

Picture of a collodion wet plate laying in a box filled with liquid

The same collodion wet plate being placed in the fixing bath.
Source: Lena Kasten

Fotografische Rekonstruktion und Embodiement als Methode

Beim Versuch, die Schwierigkeiten unserer Akteur:innen anhand ihrer Reflexionen und der Ergebnisse dieser instabilen Praxis nachzuvollziehen, stellte sich auch bei uns ein Gefühl der Frustration ein. Würde man heute erklären wollen, wie man mit dem Handy ein Foto macht, könnte man dabei Details übergehen, die uns selbstverständlich erscheinen, etwa wie man das Handy entsperrt oder wie man auf das Foto zugreift, nachdem man auf den weißen Auslöser am unteren Bildschirmrand getippt hat. Vergleichbar damit setzen auch unsere historischen Quellen bei ihren Leser:innen häufig ein Wissen voraus, das im Laufe der Zeit teilweise verloren gegangen ist.

Rücken historische Beziehungen von Wissen und Ressourcen in den Blick, besteht ein Teil unserer Arbeit auch darin, zu verstehen, wie und warum unsere Akteur:innen auf bestimmte Weise dachten und handelten. Doch selbst wenn unsere Akteur:innen, etwa Astronom:innen oder Ethnograf:innen, alle für die Herstellung von Fotografien erforderlichen Schritte vollständig aufgezählt hätten, ließen sich bestimmte Praktiken nicht restlos schriftlich festhalten. Seit den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren haben daher Replikationen, Rekonstruktionen und Re-enactments zunehmend an Bedeutung gewonnen, um Historiker:innen dabei zu helfen, durch die praktische Auseinandersetzung mit Quellen, Werkzeugen und Materialien zu einem ganzheitlicheren und verkörperten Verständnis zu gelangen.

A historical lens focused down on an image

Max’s camera with a historical lens in the studio, set up to take a photograph.
Source: Lena Kasten

Eine solche praktische Auseinandersetzung setzt die Zusammenarbeit mit Expert:innen aus anderen Bereichen voraus, wie in unserem Fall mit Maximilian Zeitler, kurz Max. Ursprünglich als Ingenieur ausgebildet und tätig, entschied sich Max vor Kurzem, seinem langjährigen Interesse an Fotografie ganz nachzugehen und ein Studio in Wedding zu eröffnen. Obwohl er ähnliche Quellen heranzieht wie wir, nimmt er eine andere, zugleich aber ergänzende Perspektive ein, die darauf zielt, weitgehend vergessene historische Praktiken wiederzubeleben. Max, der sich sein Wissen durch historische Handbücher, Zeitschriften und praktische Erfahrung angeeignet hat, gehört heute zu den wenigen Fotograf:innen, die solche Techniken noch anwenden, und war glücklicherweise bereit, dieses Wissen im Rahmen eines zweitägigen Workshops mit uns zu teilen.

Tag 1: Theoretische und historische Hintergründe der Fotografie im Fokus

Durch Vorträge und Einblicke in Maxfotografische Praxis widmeten wir den ersten Vormittag den theoretischen und historischen Grundlagen der Fotografie mit nassen Kollodiumplatten und trockenen Gelatineplatten, die im 19. Jahrhundert verbreitete Verfahren darstellten. Am Nachmittag diskutierten die Teilnehmenden mit Max bereits im Vorfeld vorbereiteten Fragen zu ihren eigenen Quellen, wobei Max sowohl seine praktische Expertise als auch seine Kenntnis einer Vielzahl einschlägiger und bislang wenig beachteter Quellen einbrachte.

Tag 2: Praktische Anwendung fotografischer Verfahren des 19. Jahrhunderts

Am folgenden Tag erfuhren wir dann aus erster Hand, was es bedeutet, ein Bild aufzunehmen, zu entwickeln und zu stabilisieren. Zu beobachten, wie die Bilder langsam auf den Glasplatten sichtbar wurden, war faszinierend, zumal uns die Entwicklung der nassen Kollodiumplatten weitestgehend gelang. Ebenso faszinierend war für uns jedoch die Fragilität des Verfahrens und die Erfahrung, wie viele Gelegenheiten es gab, bei denen etwas misslingen konnte. So konnten wir etwa beobachten, wie sogenannte „Kometen“ auf den späteren Abzügen erschienen, wenn während der Beschichtung mit nassem Kollodium winzige Staubpartikel auf die Plattenoberfläche gelangten.

Image covered in dust

Dust particle causing a “comet” on a wet collodion plate.
Source: Lena Kasten

Auch die Entwicklung einiger der Trocken-Gelatineplatten stellte uns vor einige Herausforderungen. Als sich im Entwicklungsbad ein Bild abzeichnete, begann sich die Gelatineschicht von der Platte abzulösen und in die Lösung zu fließen, was, wie Max erklärte, daran liegen könnte, dass die Platte während der Belichtung nicht kalt genug war. Das Team, das an der Entwicklung arbeitete, versuchte, das Bild zu retten, indem es die gelöste Gelatineschicht vorsichtig auf die Platte zurückführte. Wie im Cyanotypie-Abzug dieser Platte sichtbar wird, hinterließ dies einen ebenso schönen wie unbeabsichtigten Effekt unregelmäßiger, geschichteter Ränder.

Image of a man looking into the camera

Cyanotype print of a portrait of Jonathan Haid, with the effects of the loose gelatin layer visible.
Source: Clara Kahn

Reproduktion von Annie Maunders Sonnenfinsternisfotografie von 1898

Auch die Reproduktion einer gedruckten Zeichnung nach einer heute verlorenen Fotografie wurde Teil unserer Versuche. Die ursprüngliche Platte, die der Zeichnung zugrunde lag, gilt als verschollen und wurde am 22. Januar 1898 unter ganz anderen Bedingungen belichtet. Da der Mond während der totalen Sonnenfinsternis den Großteil des Sonnenlichts verdeckte, gelang es Annie Maunder, einer Astronomin, die häufig an Sonnenfinsternisexpeditionen teilnahm, die koronalen Ausläufer der Sonne so weit zu erfassen, wie es zuvor noch niemandem gelungen war. Eben jene Fotografie, die in Talni, Indien, mit einer dreifach beschichteten Sandell-Trockenplatte aufgenommen wurde, ist nur eines von vielen Beispielen, auf die uns der Workshop eine neue Perspektive eröffnete. In einem der Handbücher, auf die Max bei der Entwicklung seiner fotografischen Praxis zurückgriff, fand er Hinweise auf die Funktionsweise der Sandell-Platten, die er im Workshop mit uns teilte. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Schwierigkeiten mit Trockenplatten in einem Berliner Studio wird viel verständlicher, warum Maunder die Platten zur Entwicklung dem Hersteller in London anvertraute, anstatt sie in einer provisorischen Dunkelkammer in Indien selbst zu entwickeln. Auch wenn sich die Bedingungen, unter denen wir unsere Fotografien aufgenommen haben, zwangsläufig von denen unserer Akteur:innen unterscheiden, erwies sich die Arbeit mit ähnlichen Materialien und Methoden als extrem aufschlussreich.

Perspektiven entwickeln

Zu verstehen, wie viel Fragilität, Können, Flexibilität und Herausforderung mit Versuchen fotografischer Sichtbarmachung im 19. Jahrhundert verbunden war, hilft uns, unsere Quellen mit anderen (und wohlwollenderen!) Augen zu betrachten. Diese neue Perspektive konnten wir erst durch die Erfahrung der Instabilität des Verfahrens gewinnen, aber auch durch die Freude, die sich einstellt, wenn das erhoffte Bild auf der Platte sichtbar zu werden beginnt.

Image of a page including the eclipse photograph

Collodion wet plate reproduction of William H. Wesley’s drawing of Annie Maunder’s 1898 eclipse photograph.
Source: Maximillian Zeitler.