( Completed: 2006)
Geschichtsphilosophische Erkenntnisstrategien im Spannungsfeld von ‚Knowledge and Belief‘
Der vormals monopolisierte Erklärungsanspruch der Historia sacra wurde im Prozeß der ‚Rationalisierung der universalgeschichtlichen Erkenntnis‘ angesichts der neuen chronologischen Befunde, der geographischen Entdeckungen sowie der intensivierten kulturgeschichtlichen Erkenntnisinteressen destruiert und zunächst auf die beiden entstehenden Nachfolgedisziplinen Geschichtsphilosophie und Geschichtswissenschaft verteilt.
Dieser Prozeß der Entkräftung der bibelexegetisch fundierten Geschichtserkenntnis und ihrer Chronologie steht im Spannungsfeld von ‚Knowledge and Belief‘, weil in ihm die mit der fides revelata gegebene Evidenz des jüdisch-christlichen Deutungsmonopols der Geschichte und dessen methodische Verankerung in der Exegese der Heiligen Schrift durch neue Strategien der Eruierung historischen Wissens ersetzt wurde. Das Projekt widmet sich daher vor allem den Methoden, mit denen die neu entdeckte außerbiblische Geschichtszeit erschlossen wurde.
Vor dem Hintergrund der Pyrrhonismusstreitigkeiten konstituierte sich die Geschichtswissenschaft im Verlauf des 18. Jahrhunderts insbesondere durch Rückgriff auf das methodische Instrumentarium der kritischen Philologie als Disziplin mit klaren Kriterien zur rationalen Kontrolle der fides historica und folglich mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.
Indem die Geschichtswissenschaft sich so strikt auf das Feld der glaubhaften schriftlichen Überlieferung beschränkte, fielen der Geschichtsphilosophie insbesondere diejenigen Bereiche zu, die von der Geschichtswissenschaft aus erkenntnistheoretischen Gründen ausgeklammert werden mußten.
Das betraf vor allem die Erschließung der ‚Ränder der Geschichte‘, ihren Anfang und ihr Ende, die zuvor innerhalb der biblischen Historia antediluviana bzw. durch Exegese der Endzeitprophetien dargestellt worden waren. Eine Neuinterpretation der Sintflut wurde ebenso erforderlich, wie ein neuer Umgang mit der Zukunft, die nicht mehr von den biblischen Prophetien abgedeckt wurde.
Mit der Fokussierung der entstehenden Geschichtsphilosophie auf Vorgeschichte und – in zweiter Linie – auf Prognostik verband sich die Notwendigkeit einer Reflexion auf diejenigen Strategien, mit deren Hilfe jene aus der auf schriftliche Quellen restringierten Historie ausgegliederten Bereiche überhaupt erschlossen werden konnten.
Die Anfänge der Geschichte, die Frage nach dem Zustand der ersten Menschen, nach der Entwicklung menschlicher Zivilisation, der Entstehung von Sprache und Schrift und in deren Folge von Wissenschaft waren nicht länger ausschließlich im Rekurs auf die biblischen Texte adäquat zu beantworten. Sie wurden zum zentralen Gegenstandsbereich der sich etablierenden Geschichtsphilosophie.
Mittels welcher Verfahren sollten das Wissen an den Rändern der Geschichte aber ‚philosophisch’ erschlossen werden? Die Selbstreflexion auf die Möglichkeiten einer nicht historisch-kritisch verfahrenden, sondern philosophischen Erkenntnisweise der Vergangenheit und Zukunft gehörte seit Vico, über Herder und Kant zum zentralen Themenbestand der Geschichtsphilosophie.
Aufgrund ihres außerhistorischen Erkenntnisgegenstandes konnte die Geschichtsphilosophie die Dichotomie von ratio und fides nicht in der Weise der historisch-kritischen Geschichtswissenschaft philologisch zähmen und mußte folglich andere Strategien zu ihrer Bewältigung finden.
Dabei sind besonders drei Strategieansätze zu berücksichtigen, die für die geschichtsphilosophische Inanspruchnahme der Ränder der Geschichte methodisch konstitutiv wurden, bis deren Erforschung im Verlauf des 19. Jahrhunderts an neu entstehende Spezialdisziplinen übergingen: 1. Rationale Bibelexegese, contra literale Auslegung (v.a. des Pentateuchs); 2. Rekonstruktion der vorschriftlichen Vergangenheit aus präsenter Vernunft und Erfahrung mittels Analogie – und damit eng verbunden 3. Interpretationen der Naturzustandshypothese als historisches Szenario.
