( Completed: 12.2012)
Transformationen antiker Denkweisen: Technologie, mentale Modelle und deduktives Schließen (SFB 644 Transformationen der Antike)
Cooperation Partners: Humboldt Universität zu Berlin
Anhand der Entwicklung theoretischer und praktischer Mechanik von der Antike bis zur Entstehung des mechanischen Weltbildes analysiert das Teilprojekt Prozesse, die mit der Transformation von Wissen einhergehen.
In der ersten Projektphase wurden am Beispiel zentraler Begriffe der Mechanik (Gewicht, Bewegung und Kraft) begriffliche Strukturveränderungen antiken Wissens als Folge seiner Tradierung exemplarisch untersucht, um auf dieser Grundlage ein theoretisches Modell zu entwickeln welches das Zusammenwirken von technischem Wissen und der entstehenden theoretischen Mechanik als Entwicklungsprozess zu erfassen mag. Es konnte gezeigt werden, dass die Transformation antiker Naturphilosophie in das mechanische Weltbild der Frühen Neuzeit kein rein innertheoretischer Prozess war, sondern durch die im Zusammenhang damaliger Schlüsseltechnologien (Artillerie, Bauwesen, Schiffbau, Konstruktion von Bewässerungssystemen) gewonnenen Erfahrungen wesentlich geprägt wurde.
Das Hauptaugenmerk der zweiten Projektphase liegt daher auf der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem im Bereich technologischer Anwendung gewonnen praktischen Wissen und theoretischem Wissen, wie es in den seit der Antike entwickelten Theoriegebäuden aufgehoben ist. Dieser Frage wird in zwei Unterprojekten nachgegangen.
Im Unterprojekt 1 soll untersucht werden, in welcher Weise die frühneuzeitliche Anwendung antiker theoretischer Deutungsmuster auf ›wissensgeladenen Objekte‹, wie z.B. das Pendel, die Geschossbahn und die Sonnenuhr, diese Deutungsmuster transformiert hat. Es soll ein Ansatz entwickelt werden, der es erlaubt zu verstehen, wie die im Umgang mit diesen Objekten gewonnenen praktischen Erfahrungen die Transformation des theoretischen Wissens bedingt und beeinflusst haben. Die Rückwirkung dieser epistemischen Entwicklungen auf das Weltbild im post-kopernikanischen Zusammenhang soll in Betracht genommen werden, insbesondere im Hinblick auf die Allianz zwischen Mechanik und Kosmologie sowie zwischen neuer Physik und Astronomie. Zugleich soll untersucht werden, welche Rolle der sich herausbildende neue Typus des praktischen Mathematikers in diesem Prozess gespielt hat, welcher sowohl mit den praktischen Problemen der Zeit ver- und betraut war, als auch Kenntnis der theoretischen Rahmenwerke besaß. Die praktischen Mathematiker nahmen an der zeitgenössischen astronomischen Debatte teil und wurden sich der Spannung zwischen den theoretischen Modellen und der Praxis der Ephemeriden-Rechnung bewusst. In ihren Arbeiten vereinen sich technische, theoretische und kosmologische Betrachtungen und es kommt so zu einer Transformation des überlieferten Wissens.
Im Unterprojekt 2 wird die Architektur als einer der Bereiche des praktischen Wissens, der in der Frühen Neuzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, untersucht. Das Bauwesen bildete in der Antike und dann in neuer Weise in der Frühen Neuzeit eine Herausforderung für das theoretische Verständnis der Mechanik. Große Baustellen und Gebäude boten bereits in der Antike den Anlass für Interpretationsversuche, die Überlegungen zur Festigkeit der Baumaterialen und zur Stabilität von Bögen und Gewölben umfassten. Allerdings konnten solche Erklärungsversuche der technologischen Komplexität der tatsächlich realisierten Gebäude nur bedingt gerecht werden. Um das Spannungsverhältnis zwischen technischem und theoretischem Wissen in der Neuzeit im Vergleich zur antiken Situation bestimmen zu können, soll untersucht werden, wie das antike technische Wissen selbst überliefert und transformiert wurde. In Fortführung der bereits durchgeführten Analysen von Textquellen, etwa von frühneuzeitlichen Übersetzungen und Kommentaren zu Archimedes, Herons, Vitruvs Werken, sollen in der zweiten Förderphase die ersten baustatischen Theorien und deren Zusammenhänge mit der frühneuzeitlichen theoretischen Mechanik untersucht werden, wie sie in den Werken von Ingenieuren und Mathematikern ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck kommen.
