Farben und ihr Kontext

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Abbildung 1: Aberystwyth, National Library of Wales, Manuskript Brogyntyn ii.1, Blatt 33r.

Farben und ihr Kontext

Kunsthistorikerin Sylvie Neven schreibt über eine neue Datenbank, die zeigt, wie Wissen zu Farben entstand und sich in der Frühen Neuzeit verbreitete.

In den 1550er Jahren trug der Mönch Wolfgang Seidel, der im bayerischen Kloster Tegernsee als Kopist und Illuminator tätig war, zwei umfassende Sammlungen von medizinischen und Handwerksrezepten zusammen, die zurzeit in der Bayerischen Staatsbibliothek in München unter den Signaturen Cgm 4117 und Cgm 4118 aufbewahrt werden. Der erste Band ist unter dem Titel Kunstbuch oder von manigerlai Handwerchskünsten verzeichnet. Auf nicht weniger als 378 Blatt widmet er sich den Techniken in verschiedenen (kunst-)handwerklichen Bereichen wie Metallurgie, Malerei, Buchmalerei und Färberei. Weiterhin enthält er alchemistische Anweisungen, Bemerkungen zu einigen Mineralien sowie Informationen über handwerkliche Verfahren, bei denen Materialien wie Glas, Bergkristall, Elfenbein, Edelsteine und Schießpulver verwendet werden, und über die Herstellung von Keramikglasuren und anderen Substanzen.

Seidels Rezeptsammlung wurde von ihm im Verlauf mehrerer Jahre zusammengetragen, während derer er verschiedene Arten von Quellen auswertete. Die Inhalte stammen hauptsächlich aus Abschriften älterer oder zeitgenössischer Dokumente. Zum Teil sind es aber auch Informationen, die Seidel bei Künstlern oder praktisch tätigen Gelehrten eingeholt hatte, wie die Kommentare und die Überschriften im Text zeigen. So erklärt Seidel beispielsweise mehrfach, er sei dem Bischof von Freising wegen der Rezepte, die er später in Cgm 4117 (Blatt 1v, 2v, 35v und 37r) aufnahm, zu Dank verpflichtet. Diese Anweisungen beschreiben detailliert, wie man Gold, Silber und Blei schmilzt. Weiterhin zitiert Seidel Bartholomäus Schobinger, einen Kaufmann aus Sankt Gallen, der für sein starkes Interesse an Naturwissenschaften und Alchemie berühmt war. Die nach Schobingers Namen aufgeführten Anweisungen schildern eine Reihe alchemistischer Verfahren zur Veränderung der Eigenschaften von Gold und zur Herstellung von Goldfarbe und geben eine Anleitung zur Verarbeitung von Gold, Silber, Eisen und Kupfer. In anderen geht es um das Vergolden oder Schmelzen von Glas, um das Schmelzen von Horn und bestimmten Metallen, um die Zubereitung von aqua fortis und um die Herstellung eines blauen Pigments namens „azure“ (Cgm 4117, Blatt 62r–130r). Nicht zuletzt sind einige der Instruktionen anscheinend ein persönlicher Beitrag des Schreibers selbst. So erklärt Seidel auf dem ersten Blatt von Cgm 4118, er habe sowohl bereits existierende schriftliche Quellen als auch bei seinen Zeitgenossen eingeholte Auskünfte verwendet und außerdem auf seine eigene praktische Erfahrung zurückgegriffen.

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Abbildung 2: Paris, Bibliothèque nationale de France, Manuscrit Français 12420, Giovanni Boccaccio, De Claris mulieribus, Blatt. 86r, Thamar malt die Jungfrau, (Detail des Lehrlings).

Ebenso vielschichtig zusammengesetzt ist ein bedeutendes Korpus von (kunst-)handwerklichen Rezeptsammlungen. Diese Schriften wurden zum größten Teil zwischen dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert oder später verfasst und innerhalb der Ordensgemeinschaften sowie in der Gesellschaft insgesamt verbreitet. Eine Reihe dieser Texte widmet sich einzelnen Themen oder Techniken. Zum Beispiel beschäftigt sich das Manuskript Brogyntyn 2.1 in der Aberystwyth National Library in Wales mit „dem Handwerk der Buchmalerei“ („the crafte of lymmynge of bokys“, Abbildung 1). Andere Texte, wenn nicht sogar der größte Teil von ihnen, sind ein Sammelsurium von unterschiedlichsten kunsttechnischen Anleitungen.

Diese Rezeptsammlungen liefern uns also für eine große Zeitspanne und einen weiten geografischen Raum eine riesige Menge an Fakten zu verschiedenen handwerklichen Verfahren. Viele von ihnen helfen uns zu verstehen, wie Künstler im Mittelalter und der frühen Neuzeit ihre Pigmente, Farbstoffe, Leime, Bindemittel, Tinten und so weiter herstellten und aufbereiteten (Abbildung 2). Neben den physikalischen Beschreibungen von künstlerischen Materialien liefern die Rezepte Informationen über optische Eigenheiten, Mittel zur Konservierung, die Verträglichkeit oder Unverträglichkeit zwischen den verwendeten Substanzen und die Beständigkeit von unterschiedlichen Materialien.

Dennoch wurden in der Forschung zur Geschichte künstlerischer Techniken bis heute nur wenige Beispiele dieser Rezeptsammlungen ausgewertet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die meisten von ihnen handschriftliche Texte sind, deren Inhalte über Jahrhunderte durch Kopieren tradiert wurden. Wegen der Verwendung von Abkürzungen, der Vielschichtigkeit der Handschriften, der Bedeutungsänderung von (Fach-)Begriffen, aber auch der gelegentlichen Übersetzung von einer Mundart oder Sprache in eine andere während des Prozesses der Weitergabe und Verbreitung erfordert die gründliche Untersuchung dieser speziellen Art von Quellen eine Reihe von Kenntnissen und Fertigkeiten.

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Abbildung 3: Heidelberg, Codex Palatinus Germanicus 489, Blatt 98r, Incipit Liber Coloris.

Die Datenbank ColourConText wurde aufgebaut, um die Nutzung und Untersuchung dieses großen Korpus von Rezeptsammlungen zu erleichtern, indem die Quellen durch Transkriptionen, Übersetzungen und digitale Bilder zugänglich gemacht werden. Dank der Einteilung nach Sachgebieten können bei der Suche nach bestimmten Rezepten, Methoden oder Materialien Schlüsselbegriffe verwendet werden. Die verschiedenen Thesauri der Datenbank ermöglichen die kombinierte Suche nach einer Zutat und einer bestimmten Technik, die innerhalb eines begrenzten geografischen Bereichs/zeitlichen Rahmens erwähnt werden.

Zum Beispiel ergibt die kombinierte Suche nach „Alaun“ und der Farbe „Rot“ eine Anzahl von Einträgen, die anschließend nach Glossar, künstlerischer Technik oder Art des Inhalts gefiltert werden können. Wir erfahren, dass sich 305 Rezepte mit der Substanz Alaun und mit der Herstellung der Farbe Rot beschäftigen und dass diese Rezepte zu den Bereichen Malerei, Buchmalerei, Schrift, Färberei, Vergoldung und Metallbearbeitung gehören. Die Datenbank ColourConText kann außerdem dazu beitragen, bestimmte datierbare Verfahren und Materialien zu identifizieren. Zum Beispiel haben wir beobachtet, dass eine bedeutende Zahl von Techniken, die Anthocyanfarbstoffe (die aus dem Saft von Pflanzen und Beeren wie Mohnblumen, Kornblumen oder Blaubeeren gewonnen werden) verwenden, insbesondere in einer bestimmten Gruppe von Manuskripten beschrieben werden. Genau gesagt, wurden diese Texte zwischen 1400 und 1560 in Süddeutschland und in Nordfrankreich verfasst.

Die Datenbank enthält auch Listen von Objekten und Materialien, die sowohl mit ihrem aktuellen wissenschaftlichen Namen („Current names“) als auch mit den genauen „historischen“ Bezeichnungen, unter denen sie in den Quelltexten auftauchen („Historical names“), erfasst sind. Diese Glossare sind als relationale Tabellen aufgebaut, die das Auffinden all der verschiedenen historischen Namen für ein bestimmtes Material – einschließlich ihrer historischen Schreibkontexte – erlauben und den Nutzerinnen und Nutzern die verschiedenen Materialien, die zu einem bestimmten Namen gehören könnten, anzeigen. Zum Beispiel bezieht sich die verwirrende Bezeichnung „Pariser Rot“ auf mehrere Substanzen. In dem Illuminier Buch von Valentin Boltz von Ruffach wird sie für ein rotes Pigment verwendet, das aus Brasilholz gewonnen wird. Dagegen unterscheiden andere Quellen zwischen Pariser Rot und dem aus Brasilholz gewonnenen roten Pigment, indem sie die Verwendung der einen oder anderen Substanz empfehlen („Ein guot röselin oder pfirsÿg bluot Nu nim presilgen oder paris rot“, Colmarer Kunstbuch, Seite 124–125, Rezept 35). Im Heidelberger Codex Palatinus germanicus 489 (Abbildung 3) ist „Pariser Rot“ eine aus Brasilholz hergestellte Farbe und ein unspezifizierter Farbstoff (Rezept 252). Im selben Manuskript beschreibt Rezept 391 die Zubereitung von „Rotenn Paris“ aus einem Farbstoff. Deshalb wird vermutet, dass diese Bezeichnung verwendet wurde, um einen bestimmten Farbton zu benennen.

ColourConText bietet weiterhin Metadaten zu den Quellen an, also Details wie Titel, Sprache, Standort, Provenienz und Verbreitung dieser Manuskripte und Bücher (Ort und Datum der Entstehung oder Publikation), Schreiber oder Autoren und Vorbesitzer. Diese besonders hilfreiche Funktion erlaubt den Nutzerinnen und Nutzern, Fragen nach der Verbreitung dieser Rezepte außerhalb der Werkstätten nachzugehen. Schließlich enthält die Datenbank auch eine Beschreibung von Rezepten aus verschiedenen verwandten Gebieten wie Botanik, Pharmakologie und Medizin. Mit diesen Informationen lassen sich die Beziehungen und Verbindungen zwischen dem Wissen der Künstler und anderen Wissensarten, zwischen der praktischen und materiellen Welt einerseits und der Welt von Gelehrsamkeit und Schrift andererseits, besser beurteilen.

Weitere Informationen

Ziehen Sie die Datenbank Colour ConText zurate.

Sylvie Nevens persönliche Webseite.

Die Université de Liège hat eine eigene Webseite zur Datenbank Colour ConText erstellt.

Das Projekt wird außerdem von der Zeitschrift der Université de Liège Culture vorgestellt, sowie vom Magazin Le 15e jour du mois.

Sehen Sie sich den Kurzfilm zu Colour ConText an.

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