Historische Epistemologie: Zur Einführung

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Ausschnitt aus Essai d'une distribution généalogique des sciences et des arts principaux nach Diderot und d'Alemberts Enyclopédie, in: Pierre Mouchon, Table analytique et raisonnée des matieres contenues dans les XXXIII volumes in-folio du Dictionnaire des sciences, des arts et des métiers, et dans son supplément, Vol.1, Paris: Panckoucke, 1780.

Historische Epistemologie: Zur Einführung

Anlässlich des 65. Geburtstags von Hans-Jörg Rheinberger publizieren wir Exzerpte seines kürzlich erschienenen Buchs: Historische Epistemologie: Zur Einführung, Hamburg: Junius Verlag 2007.

Nachdem das 19. Jahrhundert in der Wissenschaftsphilosophie den Aufstieg eines neuen, durch die experimentellen Wissenschaften genährten Empirismus erlebt hatte, bahnte sich an seinem Ende eine Krise im Nachdenken über das Wissen an. Erst allmählich, im Laufe des 20. Jahrhunderts, entwickelte sich eine breit gefächerte neue Reflexion über Wissenschaft, die in vielgestaltiger Weise begann, die Epistemologie zu historisieren. Die Vorstellung von Wissenschaft als Prozess löste die zwanghafte Sicht auf Wissenschaft als System ab. Die eine Wissenschaft wich den vielen, nicht aufeinander reduzierbaren Wissenschaften. Der vorliegende Essay geht davon aus, dass die Historisierung der Epistemologie den entscheidenden Beitrag des vergangenen Jahrhunderts zur Transformation der Philosophie der Wissenschaften darstellt.

[Einleitung:] Nachdem das 19. Jahrhundert in der Wissenschaftsphilosophie den Aufstieg eines neuen, durch die experimentellen Wissenschaften genährten Empirismus erlebt hatte, bahnte sich an seinem Ende eine Krise besonderer Art – nämlich im Nachdenken über das Wissen – an, ohne dass eine unmittelbare Lösung oder gar eine allgemein akzeptierte Alternative zum Erbe des 19. Jahrhunderts in Sicht gewesen wäre. [...] Erst allmählich, im Laufe des 20. Jahrhunderts, entwickelte sich eine breit gefächerte neue Reflexion über Wissenschaft, die aus unterschiedlichen nationalen Traditionen und aktuellen Wissenschaftsentwicklungen gespeist wurde und die in vielgestaltiger Weise begann, die Epistemologie zu historisieren; im Ergebnis sollten die einst sauber getrennten Kontexte der Rechtfertigung und der Entdeckung neuen Wissens wieder zusammenrücken. Die Vorstellung von Wissenschaft als Prozess löste die zwanghafte Sicht auf Wissenschaft als System ab. Die eine Wissenschaft wich den vielen, nicht aufeinander reduzierbaren Wissenschaften. Diese Bewegung kann nicht rein philosophie- beziehungsweise wissenschaftstheorie-intern verstanden werden; sie muss im breiteren Rahmen der Dynamik gesehen werden, welche die Entwicklung der Wissenschaften insgesamt erfasste, und diese ist in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext des 20. Jahrhunderts insgesamt zu stellen. Der vorliegende Essay geht davon aus, dass die Historisierung der Epistemologie den entscheidenden Beitrag des vergangenen Jahrhunderts zur Transformation der Philosophie der Wissenschaften darstellt.

[...]

Wenn im Folgenden von Epistemologie die Rede ist, so bedarf der Begriff einer kurzen Erläuterung. Er wird hier nicht einfach synonym für eine Theorie der Erkenntnis verwendet, die danach fragt, was Wissen zu wissenschaftlichem Wissen macht, wie dies für die klassische Tradition und insbesondere den angelsächsischen Sprachraum charakteristisch ist. Ich fasse unter dem Begriff der Epistemologie hier vielmehr, an den französischen Sprachgebrauch anknüpfend, die Reflexion auf die historischen Bedingungen, unter denen, und die Mittel, mit denen Dinge zu Objekten des Wissens gemacht werden, an denen der Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung in Gang gesetzt sowie in Gang gehalten wird. Wenn ich es richtig sehe, so gibt es an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen Umschlag von der Erkenntnistheorie der klassischen philosophischen Tradition zur Epistemologie im genannten Sinne. Diese Verschiebung markiert zugleich eine Problemumkehr. Die Reflexion des Verhältnisses von Begriff und Objekt, die vom erkennenden Subjekt ihren Ausgang nahm, wird ersetzt durch die Reflexion des Verhältnisses von Objekt und Begriff, die am zu erkennenden Objekt ansetzt. Diese Problemverschiebung ist zugleich Kern der Epistemologie und Ausgangspunkt ihrer Historisierung. Gleichzeitig kristallisiert sich hier eine Theorie und Geschichte des Experiments. Die Frage ist nicht mehr, wie das erkennende Subjekt seine Gegenstände unverstellt in den Blick bekommen kann, die Frage gilt jetzt vielmehr den Bedingungen, die geschaffen wurden oder geschaffen werden müssen, um Gegenstände unter jeweils zu bestimmenden Umständen zu Gegenständen empirischen Wissens zu machen.

Dieser Wandel geht mit einer weiteren Verschiebung des erkenntnistheoretischen Interesses einher. Die frühere Ausrichtung darauf, die richtige und möglichst allgemein verbindliche wissenschaftliche Methode zu finden und darzustellen, schlägt um in ein detailliertes Interesse daran, was Wissenschaftler tun, wenn sie ihre jeweilige Forschung betreiben. Auch diese Veränderung ist notwendig, um die Frage stellen zu können, ob dieses Tun nicht vielleicht, anstatt einer zeitlosen Logik zu folgen, selbst historischen Entwicklungen unterworfen ist, deren zeitlichen Verlauf man verfolgen kann und deren jeweiliger Bedingungen man sich vergewissern muss. Historisierung der Epistemologie heißt somit auch, die Erkenntnistheorie einem empirisch-historischen Regime zu unterwerfen und ihren Gegenstand selbst als einen historisch variierenden zu fassen, anstatt ihn einer transzendentalen Voraussetzung oder doch einer apriorischen Norm zu unterwerfen.

[...] Es gehört auch zu den Thesen dieser Untersuchung, dass der Prozess der Historisierung, dem die Epistemologie im 20. Jahrhundert unterzogen wurde, auf eine enge Weise mit der Entwicklung der Wissenschaften in diesem Zeitraum in Verbindung steht. Parallel zur Historisierung der Wissenschaftsphilosophie steht ein Vorgang, den man als die Epistemologisierung der Wissenschaftsgeschichte bezeichnen könnte. [...]

[...]

[Schluss:] Damit sind wir am Ende dieses Parcours angelangt, der uns durch ein langes Jahrhundert der Reflexion auf die Wissenschaften, ihre Verfassung und ihre Wandlungen geführt hat. Er begann mit der Vorstellung einer Art Mimikry, dem historischen Nachvollzug des um seine Zufallsstockungen bereinigten induktiven Gangs der Wissenschaften, und leitete über eine Reihe von Verschiebungen im historischen Verständnis des Verhältnisses von Wissenschaft und Technik hin zur Öffnung eines Feldes, das nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit der Phänomenologie nach dem Ersten Weltkrieg Gestalt annahm und schließlich in den Versuch einer Neudefinition des Zeitalters der Moderne am Ende des Kalten Krieges mündete. Was als erkenntnistheoretische Reflexion an den sich abzeichnenden Rändern der klassischen Mechanik begann, fächerte sich in unterschiedliche Ansätze und Anläufe zu einer historischen Epistemologie auf [...]. Die historische Reflexion der Epistemologie begann sich mit einer epistemologischen Reflexion der Wissenschaftsgeschichte zu verbinden. Es ist aus dieser Perspektive besehen kein Zufall, dass die Mittel und Medien, die dabei ins Spiel kamen, allmählich, aber zunehmend im Sinne einer umfassenden Analyse wissenschaftlicher Praxis in allen ihren diskursiven und materiellen Dimensionen ins Zentrum der wissenschaftshistorischen Aufmerksamkeit und ihrer Begriffsbildung rückten. [... Dies] muss man [...] als einen Versuch lesen, im Rahmen eines gründlich veränderten, nicht mehr cartesisch zu bestimmenden Koordinatensystems von Wissenszuwächsen die Rolle der menschlichen Akteure mit ihrer wechselnden Position in einem Netzwerk neu zu bestimmen, das sie umfasst und in dem sie dennoch dezentriert bleiben.

[...]

[... Es gab] eine Art Persistenz eines Problemzusammenhangs, der immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Kontexten aufgerufen wurde. Er wurde durch die Eigendynamik der Entwicklung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert ständig neu aktualisiert. Wenn man hier nach einer Kontinuität suchen möchte, dann ist es die Kontinuität der Veränderungen und Brüche, denen die Wissenschaften im 20. Jahrhundert unterworfen wurden. Entsprechend lässt sich mit einigem Recht behaupten, dass es am Ende des 20. Jahrhunderts keine in die wissenschaftsphilosophische Diskussion fruchtbar eingreifende Epistemologie mehr gibt, die nicht von historischen Fragen durchtränkt wäre. Die Vorstellung einer linear fortschreitenden, kumulativen Wissensentwicklung mit einem teleologisch definierten Fluchtpunkt hat sich aufgelöst, ebenso wie die Vorstellung einer alles umfassenden Einheitswissenschaft mit ihrem vorgestellten Zentrum in der Physik. An ihre Stelle ist aber, wie die vorliegende Darstellung gezeigt hat, kein neues beherrschendes und verbindliches Modell getreten. Der Raum der historischen Epistemologie hat sich im Verlauf seiner Ausbildung parallel dazu selbst pluralisiert. Dass er auch keineswegs vereinheitlicht zu werden braucht, um sich fortzuentwickeln, ist vielleicht eine Lektion, die sich vom Pluralisierungsprozess der Wissenschaften im 20. Jahrhundert lernen lässt. Die historische Epistemologie hat in der – vergangenen und künftigen – Geschichte der Wissenschaften ihr eigenes, permanentes Laboratorium.

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Der hier vorgestellte Text sind Auszüge aus Hans-Jörg Rheinbergers Publikation „Historische Epistemologie: zur Einführung“, Hamburg: Junius Verlag 2007. Mehr Informationen

Hans-Jörg Rheinberger ist Direktor der Abteilung Rheinberger „Experimentalsysteme und Räume des Wissens“ des MPIWG. Zur Website

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