Jeder Schritt wird aufgezeichnet werden

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Der Papierehalter, Zeichnung von Gabriel de Saint-Aubin (1749), in: Mémoire sur la Réformation de la Police, soumis au roi en 1749 par M. Guillauté, Éditions Hermann 1974, S. 65.

Jeder Schritt wird aufgezeichnet werden

Der Historiker Grégoire Chamayou beschreibt die maschinistische Polizeiutopie im 18. Jahrhundert in Paris.

Im Jahre 1749, in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wurde König Ludwig dem Fünfzehnten ein reich illustriertes Manuskript zugeeignet mit dem Titel „Denkschrift zur Reform der französischen Polizei“. Der Autor, Jacques François Guillauté, war Polizist und Maschinenbauingenieur und gehörte später zu den „Encyclopädisten“; mit diesem Memorandum versuchte er den König zur Annahme eines radikalen Plans zu bewegen, das alte französische Polizeiwesen umzugestalten.

Die Abhandlung gehörte, zusammen mit zahlreichen anderen im damaligen Europa, zu einer florierenden neuen Gattung, die eine neue „Polizeiwissenschaft“ zu begründen versuchte, eine, die nicht nur den Kampf gegen das Verbrechen vorantreiben, sondern darüber hinaus die Grundlage einer ganz neuen Rationalität der Herrschaft bilden sollte. Wenn es lohnt, an dieses vergessene Manuskript heute zu erinnern, dann deswegen, weil es einen der ersten Versuche darstellt, eine neue Herrschaftstechnik zu artikulieren, eine, die sich auf Spuren und Archive stützt, und die seit jener Zeit in großem Ausmaß vorangeschritten ist.

Die Schrift, mit der Guillauté für seinen Vorschlag warb, enthielt die Zeichnung einer seltsamen Maschine, welche das Herzstück des ganzen Projekts bildete. Guillauté, stolz auf das, was er als eine revolutionäre Erfindung ansah, nannte sie „le serre-papiers“, den „Papierehalter“.

Die Illustration stellt einen großen Raum dar, mit vielen Angestellten, die an ihren Schreibtischen arbeiten. An der linken Wand hängt ein großer Stadtplan von Paris. Die Zeichnung präsentiert eine Art Kommandoraum, der bei zeitgenössischen Lesern leicht den Eindruck erwecken kann, es handele sich um eine moderne Antizipation von Dr. Seltsams „War Room“: einen Raum, in dem man die ganze Reichweite der eigenen Macht überschauen kann, einen Raum, der auf symbolische Art, wenn schon nicht die ganze Welt, dann doch zumindest das Territorium in sich fasst, auf welches sich die eigene Befehlsgewalt erstrecken soll.

An der Wand über jedem Schreibtisch stehen in alphabetischer Reihenfolge Großbuchstaben, wie bei einem Index oder einem Katalog. Jeder Buchstabe entspricht einem Stadtbezirk. Die Karte und das Register, die räumliche und die alphabetische Anordnung bildeten eine doppelte Logik, die Guillautés Erfindung zu einem neuen Herrschaftsapparat zu verknüpfen versuchte.

Vor jedem der Angestellten finden sich kleine Regale oder Fächer, in denen Dokumente untergebracht werden können wie in einem Aktenschrank. Jedes Regal wird durch eine Klappe verschlossen, die sich öffnen läßt und dann als Schreibunterlage dienen kann.

Aber ein Schnittbild enthüllt noch etwas anderes: es gibt hinter den Wänden einen verborgenen Mechanismus. Riesige rotierende Räder (mit etwa 4 Metern Durchmesser und mehr als 12 Metern Umfang) sind hinter jedem Schreibtisch in Betrieb. In der Mitte jedes Rades läuft eine Achse auf zwei kleineren Rädern, die dem großen Rad erlauben, sich trotz seiner Ausmaße leicht zu drehen. Jedes Rad ist von der Mitte aus entlang der Speichen in Fächer gegliedert, in denen Dokumente aufbewahrt werden können. Folgt man Guillautés Rechnung, könnte jedes dieser Räder mehr als 102 000 Seiten Papier fassen. Um auf das gewünschte Fach und das richtige Dokument zuzugreifen, müßte der Bedienstete nur ein Fußpedal drücken und das ganze Rad würde sich langsam drehen. Das technische Prinzip war das Gleiche wie beim Rolodex, der von Sekretärinnen am Anfang des 20. Jahrhunderts benutzt wurde: der Papierehalter ist eine gigantische Rotationskartei. Eine riesige Archivierungsmaschine, die in einem Zentralraum mit einem Stadtplan verknüpft ist.

Die gespeicherten Dokumente enthielten Einzelberichte über jeden Einwohner von Paris. In jedem Gebäude hatten Wachleute Formblätter auszufüllen mit Name und detaillierter Identität jeder einzelnen Person in jedem Haushalt. Jedes Individuum sollte ein Zertifikat erhalten, eine Art internen Pass, der für Reisen und jeden Ortswechsel notwendig war. Eine Abschrift dieser Zertifikate würde im Zentralbüro aufbewahrt und beständig durch die Berichte der Wächter auf den neuesten Stand gebracht werden.

Die Einzelberichte konnten fast in Realzeit zentralisiert und aktualisiert werden, dank der außergewöhnlich leichten Bedienbarkeit von Guillautés Maschinerie; dies stehe in starkem Gegensatz, betonte er, zu dem alten und ineffektiven System des Umgangs mit Informationen, die in gebundenen Registern gespeichert wurden: „Überall dort gibt es eine große Masse von Dokumenten, so wie in den Archiven [...] es gibt einen Schrank oder einen Lagerraum, und Angestellte müssen sich auf den Weg dorthin machen, um die Papiere zu finden. Diese Bewegungen bringen weit mehr Zeitverlust und Ermüdung mit sich, als die reine Aufgabe, die Papiere geordnet abzulegen. Kehren wir also diese Ordnung um, und statt einen Angestellten mit einer Leiter loszuschicken, um in einem Dokument oder einem Register etwas nachzuschlagen, das zwischen Tausenden anderen verloren ist [...], wollen wir lieber einen Weg suchen, wie der Angestellte an seinem Platz bleiben und das Dokument oder Register, das er braucht, auf seinen Schreibtisch und in seine Hände gelangen kann.“ Der Wille nach bürokratischer Kontrolle stieß auf eine materielle Beschränkung und der Papierehalter bot die Lösung an. Im neuen System hätte jeder Angestellte kleine Schlitze vor seinen Augen, die Distrikten und physischen Adressen entsprachen, und in die er einen Einzelbericht einstecken konnte oder aber einen entnehmen, um ihn zu aktualisieren und ihn anderswo einzuordnen, wenn das Individuum den Ort wechselte. Nach Guillautés Berechnungen wären nur elf Papierehalter nötig, um detaillierte Schriftstücke über sämtliche Einwohner der Stadt Paris zu verwalten.

Darüberhinaus brachte das eine drastische Reorganisation des städtischen Raums mit sich: Gemäß dem Prinzip divide et impera, sollte Paris in einzelne Bezirke aufgeteilt werden, jedem wurde ein Buchstabe zugeordnet; die Bezirke wurden wiederum in kleinere Unterbezirke aufgegliedert. In jedem Unterbezirk sollte jede Straße einen bestimmten Namen erhalten, und in jeder Straße jedes Haus eine Nummer, die an der Stirnseite des Hauses eingraviert wurde – was damals noch nicht der Fall war. Jede Etage jedes Hauses sollte dann mit einer Nummer an der Wand versehen werden und jede Tür auf jeder Etage mit einem Buchstaben. Jedes Pferd sollte ebenfalls ein Nummernschild tragen. Kurz, die ganze Stadt sollte nach den Prinzip eines rationalisierten Adresssystems umorganisiert werden.

Der politische Nutzen für den Herrscher würde bedeutsam sein: „Er wird jeden Zoll der Stadt kennen wie sein eigenes Haus, er wird mehr über gewöhnliche Bürger wissen als deren eigene Nachbarn und die Leute, die sie jeden Tag sehen [...] In ihrer Gesamtheit werden die Abschriften der Zertifikate ihm ein absolut getreues Abbild der Stadt bieten.“

In diesem Apparat wird die Stadt selbst als ein Archiv gesehen, mit Straßen anstelle der Gänge, Häusern anstelle der Regale, und Menschen anstelle von Büchern oder Dokumenten. In einer Art Borgesianischen Utopie avant la lettre wäre der Zentralraum der Macht ein Zentralkatalog, der mit einer Stadt verknüpft wäre, die wiederum als lebender Speicher aufgefasst wird. Dank eines effektiven Adress- und Registrierungssystems, in dem jede Einzelmeldung und jeder Ort sorgfältig gekennzeichnet wird, würde der Zentralbibliothekar – also die königliche Verwaltung – jede einzelne Bewegung im Auge behalten. Wie Guillauté schreibt: „Jede Bewegung jedes Individuums wird in seinem Zertifikat aufgezeichnet. Es wird möglich sein zu wissen, was aus jedem Individuum wird, von der Geburt bis zu seinem letzten Atemzug.“ Und hierin liegt die Neuheit von Guillautés Projekt: einen Apparat zu ersinnen, der jede Bewegung in Echtzeit verfolgen kann, einen Apparat, mit dem man jedermann im Auge behalten kann.

Guillautés Vorschlag wurde nicht aufgegriffen. Seine Maschine wurde nie gebaut und sein Bericht verstaubte in einer privaten Bibliothek. Es war nur ein Traum, der technische Traum eines wissenschaftlich gebildeten Polizisten. Aber trotz seines historischen Scheiterns und wie alle großen Utopien – oder vielleicht in diesem Zusammenhang genauer: Dystopien – hatte er den Vorzug, eine bestimmte Idee in absoluter Klarheit zu fassen.

Der Papierehalter mobilisiert eine skripturale und Archivierungstechnik. Er speichert Spuren. Er ist eine zentrale Kontrollmaschine, die mit einem lokalen Überwachungssystem verknüpft ist. Der Ausdruck Kontrolle geht etymologisch zurück auf das französische „contre-rolle“ (wörtlich, ‚Gegen-Rolle‘), womit die Abschrift eines Dokuments bezeichnet wird, – einer Liste, eines Hauptbuchs, eines zivilstaatlichen Registers – welches archiviert und dazu benutzt wird, die Übereinstimmung anderer Abschriften zu verifizieren.

Meine These ist, daß Guillautés dystopische Maschine eines der ersten Modelle einer neuen Technologie der Kontrolle darstellt, das auf dem Prinzip einer verallgemeinerten Rückverfolgbarkeit (traceability) beruht. Sein Motto ist nicht „Ich kann dich immer sehen“, sondern „Ich werde dich immer im Auge behalten. Ich werde immer wissen, was du getan hast und wo du dich jetzt aufhältst.“

Trotz ihren altmodischen Aussehens antizipiert diese Maschine einen mächtigen gegenwärtigen Trend. Rückverfolgbarkeit, traceability, die heute definiert wird als „die Möglichkeit, mittels registrierter Identifizierungen die Geschichte, die Verwendung, oder den Ort einer Entität auszumachen“, hat ein unvorhergesehenes globales Ausmaß bekommen, sie wird nicht nur auf Güter oder Dinge angewandt, sondern auch auf Menschen. Beginnend mit Guillautés Maschine soll mein Projekt eine Genealogie dieser Herrschaftstechnik skizzieren. In einer Zeit, in der wir eine bisher unbekannte Entfaltung der Archivierungsmacht erleben – „Datapower“ — , die mit der Aufzeichnung, Speicherung und dem Abruf von Daten in gigantischem und ubiquitärem Maßstab operiert, ist eine solche kritische historische Untersuchung angebracht.

More Information

Grégoire Chamayou, „Les chasses à l'homme“, La Fabrique: Paris, 2010. Mehr Informationen

Das Max Planck Forschungsprojekt „The Sciences of the Archive (2010-15)“. Zur Website

Workshop der Arbeitsgruppe Machines of Memory. The Archival Technologies and the Genealogy of Datapower (17th–20th century). Mehr Informationen

Das Max Planck Forschungsprojekt „History and Philosophy of Traceability“. Zur Website

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