Getupfte Bienen

Getupfte Bienen

Wissenschaftshistorikerin Tania Munz untersucht Karl von Frischs Studien zu den Honigbienen über fünf Jahrzehnte und spürt dem Übergang der Biene zu einem kulturellen und wissenschaftlichen Objekt nach.

Entfernt man die Abdeckung eines Bienenstocks, so kommt eine Masse zehntausender krabbelnder Bienen zum Vorschein. Dem menschlichen Beobachter ist es nicht möglich, einzelne Tiere zu unterscheiden oder sie gar im Gewirr des Schwarms zu verfolgen. Doch auf genau diese Beobachtungen – das individuelle Tier und seine Interaktionen mit den anderen Mitgliedern des Schwarms – kam es dem Experimentalphysiologen und späteren Nobelpreisträger Karl von Frisch (1886-1982) an. Er entwickelte dafür in den frühen 1920er Jahren ein spezielles System zur Markierung von Bienen. Obwohl seine Methode lediglich nach einer ruhigen Hand, einem Pinsel und Farbe verlangte, hatte sie tiefgreifende Konsequenzen für das wissenschaftliche Verständnis der Grenze zwischen Tier und Mensch und für das Wissen über Bienen als kommunikationsfähige Tiere.

Karl von Frisch ist heute als Entdecker der Tanzsprache der Honigbienen bekannt. Mit Hilfe von kleinen Farbtupfern an Brust und Hinterleib konnte er systematisch hunderte Bienen markieren und auf diese Weise verfolgen.

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Abb. 1, Nummerierungssystem: Ein auf Farbtupfern an Brust und Unterleib der Bienen basierendes Nummerierungssystem erlaubte von Frisch das Unterscheiden und Verfolgen hunderter Bienen. Quelle: Karl von Frisch, The Dance Language and Orientation of Bees, Harvard University Press, 1993, S. 15.

Diese zugleich einfache und ausgefeilte Beobachtungsmethode veränderte die wissenschaftliche Wahrnehmung der Bienen radikal: Von Frisch konnte sie nun im Flug identifizieren, ihre Interaktionen mit anderen Bienen des Schwarms beobachten und ihren Bewegungen in sorgfältig ausgearbeiteten Experimenten folgen. Im Laufe mehrerer Jahrzehnte entdeckte er, dass Sammlerbienen die Entfernung und Richtung von Nahrungsquellen mit Hilfe der Rund- und Schwänzeltänze kommunizieren, die sie bei ihrer Rückkehr von der Nahrungssuche aufführen.

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Abb. 2: Links: Der Rundtanz alarmiert andere Mitglieder des Schwarms zur Suche nahe gelegener Nahrung. Rechts: Der Schwänzeltanz gibt die Distanz und Richtung weiter entfernter Nahrungsquellen an. Quelle: Karl von Frisch, Erinnerungen eines Biologen, Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer, 1957, S. 126.

Der gerade Teil des in Abbildung 2 dargestellten Schwänzeltanzes steht zur Senkrechten des Bienenstocks im gleichen Winkel, wie der, den die Biene während ihres Fluges zum Futterplatz zur Sonne hatte.

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Abb. 3: Diese Bilder zeigen, wie Sammlerbienen anderen Mitgliedern des Schwarms die Richtung von Nahrungsquellen signalisieren, wenn sich die Nahrung in einer direkten Linie mit der Sonne (oben) oder in einem 40° Winkel zu ihr befindet. Der gerade Teil des Schwänzeltanzes (abgebildet in der Grafik direkt unterhalb des Bienenkorbs) steht zur Senkrechten des Bienenstocks im gleichen Winkel, wie der, den die Biene während ihres Fluges zum Futterplatz zur Sonne hatte. Quelle: Karl von Frisch, Erinnerungen eines Biologen, Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer, 1957, S. 129.

Darüber hinaus beobachtete von Frisch, dass die Frequenz des Tanzes mit der Entfernung der Nahrung zum Bienenstock in Beziehung steht: je näher die Quelle, desto schneller der Tanz.

Die Nachricht von der Entdeckung der Bienensprache wurde als wissenschaftliche Sensation aufgenommen und verbreitete sich schnell in Europa und über den Kontinent hinaus. Von Frischs Ergebnisse forderten die etablierten Vorstellungen der Grenze zwischen Tier und Mensch heraus, da die Sprache lange als Tor zum menschlichen Bewusstsein und seiner Seele betrachtet wurde und damit als eine der zentralen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren galt. Mitte der 1960er Jahre entwickelte sich daran anschließend – von den Delphin- und Walgesängen bis zu den singenden Schimpansen – eine breit angelegte Forschungsrichtung zur Kommunikation unter Tieren. Die Sprache der Honigbienen nahm innerhalb dieser Aktivitäten eine zentrale Stellung ein und wird im Projekt „Dancing Bees: Karl von Frisch, the Honeybee Dances, and 20th-Century Sciences of Communication“ im Kontext der Kommunikationsforschung des 20. Jahrhunderts untersucht.

The Dancing Bees ist eine Studie zu Karl von Frisch und den Honigbienen. Sie analysiert von Frischs über fünf Jahrzehnte lange Arbeit mit Honigbienen und verfolgt die Geschichte der Biene als kulturelles und wissenschaftliches Objekt. Über Jahrhunderte wurden Bienenstaaten als Modell eines gut funktionierenden Gemeinwesens betrachtet. Nun wandten sich die Wissenschaftler den erstaunlichen Bienentänzen als Beispielen nichtmenschlicher Kommunikation zu. Die Linguistik des 20. Jahrhunderts kann leicht als Konsequenz der revolutionären (und vollständig auf den Menschen bezogenen) Arbeit Noam Chomskys betrachtet werden. Dennoch gab es eine kurze Phase, in der der Traum von einer universell möglichen Kommunikation in greifbarer Nähe schien und die Biene nicht nur als ein bemerkenswert gut an seine Umwelt angepasstes Tier angesehen wurde. Vielmehr galt sie als Weg, um die Grenze zwischen Tieren und Mensch überqueren zu können.

Das Beispiel der Nummerierung von Bienen legt nahe, dass von Frischs Experimentalmethodik einen besonderen Zugang zum Beobachten und Verstehen von Tieren ermöglichte. Er war zudem ein früher und enthusiastischer Produzent wissenschaftlicher Filme, die er als Werkzeuge für die Beobachtung und Beweisführung über Aspekte tierischer Sinne verwendete. Häufig stützte er sich auf filmisches Material, um Verhaltensmerkmale zu demonstrieren, die jenseits der direkten Erklärungsmöglichkeiten dieses Mediums lagen – Stummfilme in Schwarz-Weiß sollten zeigen, dass Bienen Farben, Gerüche, Geschmäcker und Töne wahrnehmen können. In einem Film aus dem Jahre 1927 wollte von Frisch daher belegen, dass Bienen verschiedene Gerüche wahrnehmen und zwischen diesen unterscheiden können. Da aber Gerüche durch das Medium Film nicht übertragbar sind, verwies von Frisch auf Flecken, die von Duftölen hinterlassen wurden, um die Präsenz von Gerüchen zu suggerieren. Ein Aspekt der Untersuchung ist daher, wie von Frisch die epistemischen Vermittlungslücken des Mediums überwand, indem er das Publikum trainierte, das Unsichtbare in der visuellen Sprache des Filmes zu erkennen.

Durch ihre Beschäftigung mit Techniken der Beobachtung und ihren epistemologischen und ontologischen Konsequenzen gliedert sich die Arbeit in das Projekt „The History of Scientific Observation“ („Die Geschichte der wissenschaftlichen Beobachtung“) ein. Dieses auf mehrere Jahre angelegte Forschungsprojekt verbindet die Arbeit von über 40 Wissenschaftlern mit dem Ziel, eine erste Geschichte der wissenschaftlichen Beobachtung vom Hochmittelalter bis hin zum späten 20. Jahrhundert zu schreiben.


Übersetzung: David Ludwig, Stefanie Klamm, Cornelia Bonfiglio

Weitere Informationen

Mehr Informationen zu dem Buchprojekt von Tania Munz. Exposé

Der Film Geruchssinn der Bienen von Karl von Frisch (1927). Zum Film

Der Artikel „Die Ethologie des wissenschaftlichen Cineasten: Karl von Frisch, Konrad Lorenz und das Verhaltender Tiere im Film“ von Tania Munz, aus: montage/av 14/4 (2005), S. 52-68 (übersetzt von Christine N. Brinckmann und Stephen Lowry). Zum Artikel

Das Forschungsprojekt „Die Geschichte der wissenschaftlichen Beobachtung“ (unter der Leitung von Lorraine Daston). Zur Website

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