Die Meerenge im Kalten Krieg – Tiefenforschung und globale Geopolitik im Mittelmeerraum

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Bathymetry model of the Strait of Gibraltar ca. 1932, Instituto Español de Oceanografía.

Abb. 1: Tiefenmessungsmodell der Straße von Gibraltar, ca. 1932, Instituto Español de Oceanografía.

Die Meerenge im Kalten Krieg – Tiefenforschung und globale Geopolitik im Mittelmeerraum

In seinem Forschungsprojekt untersucht Wissenschaftshistoriker Lino Camprubí wie Anti-U-Boot-Überwachung Geopolitik und Ozeanografie während des Kalten Krieges vereinigt hat, und damit neue globale Vorstellungen vom Mittelmeer ermöglichte.

Der Film Das Boot verfolgt den Weg des fiktiven deutschen U-Boots U-96, das sein Kapitän versuchte vom Atlantik ins Mittelmeer zu steuern, um die Kriegsanstrengungen von 1942 zu unterstützen. Die größte Herausforderung dabei war, die enge Straße von Gibraltar zu durchfahren, wo die ängstliche Besatzung von den Pings des britischen aktiven Sonars verfolgt wurde. 1981, in dem Jahr, in dem der Film herauskam, war die NATO mit ozeanografischen Forschungen an der Meerenge beschäftigt, womit sie hoffte, das Aufspüren von sowjetischen Atom-U-Booten mittels Sonar zu ermöglichen (siehe zur Übersicht Abbildung 1). Das Gibraltar-Experiment der NATO wurde schnell ein Meilenstein der Forschung zu globalen Meeresströmungen und zum Klimawandel. Wie diese Skizze zeigt, vereinigt die jüngere Geschichte der Unterwasser-Überwachung in Gibraltar, einem umkämpften Gebiet im Herzen der heutigen Europäischen Union, die Geopolitik des globalen Kalten Krieges mit der Tiefseeforschung und schafft damit die Voraussetzungen für neue globale Perspektiven auf das Mittelmeer.

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Thomas H. Kinder and Harry L. Bryden, “Summary of the Field Program and Initial Results of the Gibraltar Experiment,” WHOI Technical Reports (1988).

Abb. 2: Camprubí zeigt Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen an Abteilung II eine Abbildung, verfügbar bei Thomas H. Kinder und Harry L. Bryden, „Summary of the Field Program and Initial Results of the Gibraltar Experiment“ („Übersicht über das Feldprogramm und erste Resultate des Gibraltar-Experiments“), in: WHOI Technical Reports, 1988.

Mit Atomsprengköpfen bewaffnete Atom-U-Boote machten die Unterwasserwelt zu einem Schlachtfeld des Kalten Krieges (siehe Abbildung 2). Da an jedem Punkt des Weltmeeres jederzeit überraschend ein unsichtbarer Feind erscheinen konnte, trachteten die Kriegsgegner nach weltweiter Überwachung. Zu diesem Zweck fassten sie vor allem Engstellen ins Auge. Zusammen mit der sogenannten GIUK Öffnung zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich, war die Straße von Gibraltar für die US-Kriegsmarine der strategisch wichtigste Engpass, um sowjetische U-Boote auf dem Weg in den Atlantik aufzuspüren. Während die geringe Breite der Meerenge die Möglichkeit bot, Ortungsvorrichtungen anzubringen, bereiteten ihre Tiefe und die komplexen hydrologischen Bedingungen ernsthafte Schwierigkeiten. Diesen entsprachen die politischen Spannungen, die rund um den Felsen von Gibraltar – einen an das frankistische Spanien grenzenden britischen Vorposten, einen Alliierten der Vereinigten Staaten, der nicht zur NATO gehörte – und die nordafrikanische Dekolonisierung existierten.

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Colossus I experimental system. Donald Ross, Twenty Years of Research at the SACLANT ASW Research Center, 1959–1979 (La Spezia: SACLANT, special report M-93, 1980): 49.

Abb. 3: Experimentalsystem Colossus I. Donald Ross, Twenty Years of Research at the SACLANT ASW Research Center, 1959–1979, La Spezia: SACLANT, special report M-93, 1980, S. 49.

Mein aktuelles Buchprojekt The Strait in the Cold War (Die Meerenge im Kalten Krieg) ist eine Geschichte der Ozeanografie und der Geopolitik während des Kalten Krieges. Es untersucht die geopolitischen und wissenschaftlichen Mittel, die im Rahmen des Versuchs der Anti-U-Boot-Kriegsführung bei Gibraltar aufgeboten wurden. Es bietet keine USA-zentrierte Perspektive, sondern analysiert eine Reihe von transnationalen Forschungsprogrammen und betrachtet sehr genau die Einflüsse aus der Zeit vor dem Kalten Krieg, insbesondere Souveränitätsfragen und die Dekolonisierung. Unterwasser-Überwachung war eine Sache der Akustik. Sie erforderte sowohl die Standardisierung der praktischen Erfahrung durch geschulte Ohren als auch genaues Wissen über Schallübertragung, die von den atlantisch-mediterranen Wasserströmungen abhing. Die Beschäftigung von zivilen und militärischen Ozeanografen mit den Strömungen ebnete den Weg für die wissenschaftliche Globalisierung des Mittelmeers.

The Strait in the Cold War widmet sich der Straße von Gibraltar als Tor zwischen dem Mittelmeer und dem Atlantik. Die in diesem Projekt vertretene zentrale These ist, dass die Anti-U-Boot-Überwachung Geopolitik und Ozeanografie auf eine Weise vereinigt hat, die dazu geführt hat, dass das Mittelmeer des Kalten Krieges für die Begründung moderner Globalität relevant wurde. Insbesondere begannen Ozeanografen das Mittelmeer sowohl als Faktor innerhalb der Dynamik der Weltmeere (wofür sie verfolgten, wie die Wassermassen des Mittelmeeres den Atlantik Richtung Nordpol durchquerten) als auch als Modellbecken für das Verständnis der Konvektion im globalen Maßstab zu diskutieren. Detailliertes Wissen über das Verhalten von tiefen Strömungen war für die Anti-U-Boot-Überwachung erforderlich (siehe Abbildung 3). Vor allem verlangte die akustische Beobachtung neue und wechselnde Arten der Unter-Wasser-Wahrnehmung, vom Hören unter der Wasseroberfläche bis zum Sehen von unverwechselbaren Klangbildern in grafischen Mustern. Diese neue Phänomenologie gab bis dahin unerforschten Objekten wie tiefen Strömungen, streuenden Schichten, der thermischen Sprungschicht, Plankton und inneren Wellen Gestalt.

Die Straße von Gibraltar war im gesamten 20. Jahrhundert eine der sowohl von Handels- als auch Kriegsschiffen am stärksten befahrenen Meerengen. Im Zeitalter der nuklearen Abschreckung zwischen den beiden Supermächten und der nordafrikanischen Dekolonisierung wurde die Möglichkeit, dieses Tor zwischen zwei Meeren zu schließen oder zu öffnen für die Regierungen und militärischen Führungen zahlreicher Länder zu einer vordringlichen Angelegenheit. Ab den 1940er Jahren und bis weit in die 1990er bemühten sich Wissenschaftler und Marinebeamte aus mehr als zehn Staaten, zusammenlaufende Strömungen kartografisch zu erfassen. Dies geschah aufgrund geheimer bilateraler Abkommen und durch gemeinsame transnationale Anstrengungen wie das Internationale Geophysikalische Jahr (1957–1958), den NATO-Unterausschuss für Ozeanografie (1959–1975) und das Gibraltar-Experiment (1985–1995). Damit wird die Straße von Gibraltar zu einer Engführung der verwickelten Geschichte der weltweiten Unterwasser-Überwachung mit der Konstruktion des globalen Meeres im wissenschaftlichen und ökologischen Sinn.

Zu den Protagonisten dieser Geschichte gehören einige der üblichen Verdächtigen im Hinblick auf die Ozeanografie im Kalten Krieg, insbesondere Wissenschaftler und Institutionen aus den USA, der UdSSR und Großbritannien. Doch der Kampf um Wissen und Macht erstreckte sich auch auf wissenschaftliche und diplomatische Repräsentanten Spaniens, Frankreichs, Italiens, Marokkos und Algeriens. Zu ihren jeweiligen Strategien gehörten Kooperation, Hegemonie und Konkurrenzkampf durch Expeditionen, Publikationsmuster und Förderentscheidungen. Die Besonderheiten der hydrologischen und politischen Bedingungen der Straße von Gibraltar sowie ihre Gemeinsamkeiten mit anderen Engstellen ließen sie bei der Entstehung einer neuen globalisierten Welt zu einem Brennpunkt werden.

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Refugees on a boat crossing the Mediterranean Sea, heading from Turkish coast to the northeastern Greek island of Lesbos, January 29, 2016. Mstyslav Chernov (public domain).

Abb. 4: Flüchtlinge auf einem Boot, das das Mittelmeer von der türkischen Küste zur Insel Lesbos im Nordosten Griechenlands durchquert, 29. Januar 2015. Mstyslav Chernov (linzenzfrei bei Wikimedia Commons).

Die Sichtbarkeit des Mittelmeeres für heutige Leser und Leserinnen hat im Verlauf der letzten Jahre dramatisch zugenommen. Wenn man Zeitungen oder Publikums- und Fachzeitschriften durchsieht, stellt man fest, dass das Mittelmeer den Status einer Analyseeinheit erlangt hat (siehe Abbildung 4). Der arabische Frühling, die Wirtschaftskrise in Südeuropa und die Tragödie der Flüchtlinge, die zu Tausenden die griechischen Grenzen überqueren, haben die Vorstellungen einer globalen Geopolitik infrage gestellt. Debatten über die Bedeutung und Zukunft von Europa kreisen um den Mittelmeerraum. Grenzkontrollen und Überwachung beschäftigen Behördengremien, Migrantenfamilien und die öffentliche Meinung. Und dennoch endet die existierende Historiografie im Gefolge Braudels nach wie vor fast immer um 1500. Zu diesem Zeitpunkt, so das Argument, stellte die atlantische Welt die Bedeutung des Mittelmeeres für die Weltgeschichte in den Schatten. The Strait in the Cold War möchte unsere Vorstellungen vom modernen Mittelmeerraum verändern und die historische Bedeutung seiner gegenwärtigen Sichtbarkeit verstehen. Dies ist ein Beitrag zur wachsenden Literatur über neue ozeanische Räume, die durch Wissenschaft, Krieg und Gesetz konstruiert werden. Diese Revolution der maritimen Geschichte kann weiterführende Belange über die Gegenwart und die Zukunft von Ozeanen ansprechen, inklusive solcher, welche beim Wissenschaftsjahr 2016/17 – Meere und Ozeane des Bundesministeriums für Bildung und Forschung thematisiert werden.

Die Beschäftigung mit Unterwasser-Überwachung, Tiefenforschung und der Bedeutung des Nadelöhrs an der Straße von Gibraltar für die globale Geopolitik eröffnet Wege, um die politische Geografie der Welt neu zu denken. Sie bietet außerdem einen Einstieg in die lokale Erzeugung der Vorstellung von einer globalen Umwelt und leistet damit ihren Beitrag zu der Arbeitsgruppe Experiencing the Global Environment der Abteilung II. Wie andere Initiativen der Abteilung II möchte diese Arbeitsgruppe ein Konzept historisieren, das als zentral für die heutige wissenschaftliche Weltsicht betrachtet wird. Die Idee der globalen Umwelt liefert Rahmen und Motivationen für Erdsystemwissenschaften und mobilisiert gleichzeitig die öffentliche Meinung, häufig in polarisierender Weise. Indem sie ihre Epistemologie erforscht, beteiligt sich die Wissenschaftsgeschichte an einer hochaktuellen Diskussion.

Weitere Informationen

Lino Camprubís persönliche Webseite.

Webseite der Arbeitsgruppe Experiencing the Global Environment.

Siehe Lino Camprubí und Sam Robinson: „A gateway to ocean circulation. Surveillance and sovereignty at Gibraltar“, in: HSNS 46 (2016) 4, S. 429–459.

Lino Camprubí, „The Invention of the Global Environment. Essay review“, in: HSNS 46 (2016) 2, S. 243–251.

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Archiv der Forschungsthemen

Bathymetry model of the Strait of Gibraltar ca. 1932, Instituto Español de Oceanografía.
50: Die Meerenge im Kalten Krieg – Tiefenforschung und globale Geopolitik im Mittelmeerraum
Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograph in possession of the Basel University Library (A lambda II 46a).
49: Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau
Parades of Miners, Craftsmen, and Officials Marking the Marriage of Friedrich August II, Elector of Saxony, and Maria Josepha, Archduchess of Austria in 1719. Bergakademie Freiberg.
48: Erfahren und Entscheiden in frühneuzeitlichen Bergwerken
Transcript of a Bobolink song by Ferdinand S. Mathews (1904), Field Book of Wild Birds and Their Music: A Description of the Character and Music of Birds.
47: Wissenschaftliche Ergebnisse und musikalische Ohren: Klangdiagramme von Feld-Tonaufnahmen
School of Athens
46: Die Bearbeitung der aristotelischen Mechanik in der frühen Neuzeit
better shelter
45: Flüchtlingsunterkünfte
44: Klimatologie kartieren
Black Hole Merger
43: Hundert Jahre Gravitationswellen
42: Wie hoch ist das Meer?
41: Die Neuerfindung der Einsteinschen Relativitätstheorie in der Nachkriegszeit
40: Sind Daten politisch?
39: Aus Schall wird Wissen
38: Farben und ihr Kontext
37: Ist größer besser?
36: Wurzeln der Sprachfamilien-Bäume
35: Genetik menschlich machen
34: Galileos Gedankenwerkstatt
33: Die Geschichte von Big Data
32: Waagen zwischen Innovation und Wissen
31: Blick auf Vielfalt
30: Wie Rezepte in frühneuzeitlichen Haushalten Wissen schufen
29: Metallurgie, Ballistik und epistemische Instrumente
28: Überwachte Wissenschaft
27: Die Globalisierung des Wissens und ihre Konsequenzen
26: Parts Unknown: Das Vertraute fremd machen
25: Bevölkerungsgröße und Geschlechterproportion
24: Gefährdung und ihre Folgen
23: Die Gleichgewichtskontroverse
22: Künstlerwissen im frühneuzeitlichen Europa
21: Wissenslandschaften
20: Babys beobachten in Fin-de-siècle-Amerika
19: Lassen wir ihn die Sprache wieder erobern
18: Geschichte(n) der Wissenschaftlichen Beobachtung
17: Historische Epistemologie: Zur Einführung
16: Johann Lamberts Konversion zu einer Geometrie des Raumes
15: Die unscharfen Grenzen zwischen Licht und Materie
14: Jeder Schritt wird aufgezeichnet werden
13: Hofiertes Handwerk
12: Kants naturtheoretische Begriffe
11: Jean Piaget und die spontane Geometrie des Kindes
10: Galilei und die Anderen
9: Eine Wissensgeschichte der menschlichen Vielfalt
8: Träumen in und von der Neurophilosophie
7: Wer waren Einsteins Gegner?
6: Physiologie des Klaviers
5: Getupfte Bienen
4: Neue Wege für die Nutzung digitaler Bilder
3: Vielsagende Instrumente
2: Microscope Slides - ein Objekt der Wissenschaftsgeschichte?
1: Was ist und wozu dient die historische Epistemologie?