Flüchtlingsunterkünfte

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Abbildung 1: The Better Shelter Unit (Better Shelter).

Flüchtlingsunterkünfte

In einem ihrer aktuellen Projekte untersucht die Historikerin Emily Brownell die Geschichte von Flüchtlingsunterkünften.

Der von Martina Schlünder, Susanne Bauer und Maria Rentetzi im letzten Jahr zusammengestellte Band Boxes in Action, der in Kürze erscheint (Mattering Press, 2016), hat das Format eines naturkundlichen Feldführers. Alle Autorinnen und Autoren wählten für ihren jeweiligen Beitrag eine spezielle box aus, um anhand derer zu untersuchen, wie solche scheinbar alltäglichen Gegenstände die Wissensproduktion prägen, indem sie sowohl die in ihnen enthaltenen Dinge auf bestimmte Weise rahmen als auch die Dinge außerhalb. Ich nahm meinen Beitrag zum Anlass, ein Thema wieder hervorzuholen, das ich zurückgestellt hatte, um mein aktuelles Projekt zu beenden. Zufällig war dieses Thema zu dem Zeitpunkt, als ich letzten Sommer in Berlin ankam, allem Anschein nach auch gerade von besonderer Bedeutung: modulare und transportable temporäre Unterkünfte für Flüchtlinge.

Die box, die im Zentrum meines Aufsatzes steht, ist das Ergebnis einer in jüngerer Zeit etablierten Zusammenarbeit zwischen der Ikea-Stiftung und dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Dieses als „Better Shelter“ („bessere Unterkunft“) bekannte Element besteht eigentlich aus dem Inhalt von vier boxes, die in einer weiteren box, einem Frachtcontainer, geliefert werden. Diese vier boxes sind die ikonischen flachen Verpackungskartons, die Gillis Lundgren in den 1950er-Jahren für Ikea erfunden hat. Der Entstehungsgeschichte von Ikea zufolge entstand die Idee, Möbel zur Selbstmontage in flachen rechteckigen Pappkartons zu verkaufen, als Lundgren die Beine von einem Tisch abbaute, damit dieser in sein Auto passte. Daraus entwickelten sich die Möbel, die wir als den Haufen von Einzelteilen kennen, den viele von uns verflucht haben, als sie ihn auf dem Wohnzimmerboden mühsam zusammenbauten.

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Abbildung 2: The Better Shelter Unit (Better Shelter).

Das Element Better Shelter wurde so gestaltet, dass es in ein paar Stunden problemlos aufgebaut werden kann, indem man zunächst ein Rahmenskelett montiert, das ein 17,5 Quadratmeter großes Rechteck bildet. Anschließend hängt man das Dach und die Seiten der Unterkunft an dem Rahmen auf und zum Schluss wird eine textile Bespannung über dem Bau befestigt, um ihn am Tag kühl und in der Nacht warm zu halten. Das als „genial“ angekündigte Better Shelter wurde als aufregende und längst fällige Lösung für das Problem des Dauergebrauchs von Flüchtlingszelten bei Naturkatastrophen und humanitären Katastrophen präsentiert. Doch eine kurze Recherche in der US-Patentdatenbank nach „temporary shelter“ („vorübergehende Unterkunft“) führt zu mehr als 500 Ergebnissen. Und vor fast 40 Jahren warnte Fred Cuny, ein Experte für die Unterbringung nach Katastrophen: „Neue Unterkunftstypen werden nicht gebraucht. Jede Hilfsorganisation hat einen Aktenschrank voll mit intelligenten Vorschlägen von Studenten, Industriedesignern und Architekten für die endgültige Lösung aller Unterbringungsprobleme der Welt.“

Ein Beispiel für diese bereits existierenden ausgefeilten Ideen ist ein während des Zweiten Weltkriegs unter der Leitung des Architekten Paul Lester Wiener in Zusammenarbeit mit dem United States War Production Board und der The New School for Social Research entworfenes Modul. Es konnte problemlos aus „überall vorhandenen Grundelementen“ hergestellt werden und sollte den im Zusammenhang mit der Kriegsproduktion und in der Zeit des Wiederaufschwungs nach dem Krieg zu erwartenden Bedarf befriedigen. Wiener war bestrebt, etwas zu entwerfen, das „durch die Abkehr von konventionellen Methoden“ universell anwendbar war, nämlich indem es „vom Dach aus nach unten“ gebaut wurde, mit „‚Vorhang‘wänden in Form von innen an die Träger oder dachtragenden Pfosten ‚gehängten‘ Paneelen, sodass praktisch der gesamte Innenraum frei bleibt“.

Was aber hat Generationen von Designern und Architekten dazu gebracht, diese spezielle box immer wieder neu zu erfinden, obwohl bis heute das Flüchtlingszelt dominiert? Nicht der Mangel an Neuerungen, auch wenn das das vorherrschende Designnarrativ ist. Sondern, so meine These, weil die temporäre Unterkunft niemals unabhängig von der dauerhaften Unterbringung war, auch wenn beides scheinbar entgegengesetzte Kategorien sind.

Soweit ich es beurteilen kann, ging Wieners Unterkunft während seiner Zusammenarbeit mit dem War Production Board nie in die Serienproduktion. Das Projekt wurde 1944 wegen der „Einmischung von kommerziellen Monopolen und Kartellen“, mit der Wiener sich konfrontiert sah, teilweise beendet. Die Archivbestände dazu sind noch nicht aufgearbeitet, daher kann ich nur darüber spekulieren, was damit gemeint ist. Die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) hatte Wiener gegenüber erklärt, dass sie ihre „Aufgaben in befreiten Gebieten nicht länger als bis sechs Monate nach der Befreiung wahrnehmen werde und dass alle Schutzaufgaben … während dieser sechs Monate auf das tatsächliche Mindestmaß an Schutz begrenzt seien.“ Wiener, damit beauftragt, eine gute Konstruktion zu entwerfen, hatte einen langlebigen modularen Bau geschaffen. Doch je besser dieser sich wiederverwerten ließ, desto größer war die Gefahr, dass er das Mandat der UNRRA überdauerte und zum „Slum“ wurde oder der Bauindustrie der Nachkriegszeit im Weg stand.

Das Widerstreben der UNRRA, Wieners Unterkunft zu verwenden, war ein Reflex des grundsätzlich fehlenden Austauschs zwischen Architekten, Hilfsorganisationen und lokalen Bauindustrien. Es gab keinen Konsens darüber, was eine Flüchtlingsunterkunft hinsichtlich Material, Wirtschaftlichkeit und Dauerhaftigkeit auszeichnete: Was für den einen eine box war, war für den anderen ein Haus. In Großbritannien zum Beispiel wurden zwischen 1944 und 1949 über 150 000 temporäre Fertigbauten errichtet, um dem Wohnungsmangel zu begegnen. Kritiker befürchteten die Ausbreitung von „schlampig gebauten Billighäusern, von Stückwerk, Bruchbuden, Wohnwagen, Bandbebauung, zugigen und undichten Wohnungen und allem, was beim Bau schlecht ist.“ Und tatsächlich waren zwanzig Jahre später nur 29 Prozent der ursprünglichen Fertigbauten in England und Wales wieder verlassen worden, sie hatten den Status der Vorläufigkeit lange überdauert. Ob andernfalls überhaupt bessere Unterkünfte verfügbar gewesen wären, ist allerdings unklar.

Inzwischen hatten die Vereinigten Staaten ihre eigene Wohnungsnot, weil für die industrielle Produktion während der Kriegszeit Tausende von Arbeitern umgesiedelt worden waren. Mit dem Lanham Act von 1940 stellte die Regierung 150 Millionen Dollar bereit, um für diejenigen, die in der rapide wachsenden Rüstungsindustrie arbeiteten, Unterkünfte und andere Gebäude zu errichten. Weil man die Verslumung der Städte befürchtete, falls die temporären Bauten auf städtischem Gebiet errichtet würden, wurden diese Unterkünfte während des Krieges unter der Voraussetzung, dass sie nach Schließung der Fabrik wieder verschwänden, häufig außerhalb von Städten gebaut. Der Lanham Act sah tatsächlich vor, dass nach dem Krieg alle temporären Bauten innerhalb von zwei Jahren abgerissen (oder verpackt und nach Übersee verschickt) werden mussten, um die private Bauindustrie zu schützen und zu fördern und um „der Schaffung von ‚Geister‘städten“ vorzubeugen. Die „kommerziellen Monopole und Kartelle“, die Wieners Flüchtlingsunterkünfte verhinderten, bestanden womöglich aus denjenigen, die in die Sicherung des Nachkriegsbedarfs an Fachkompetenz, Arbeitskräften und Materialien im Wohnungsbausektor investiert hatten. Die temporären boxes bedrohten vermutlich die Entwicklung und Ausbreitung der neuen Little Boxes der amerikanischen Vorstädte in der Nachkriegszeit.

Dauerhaftere Notunterkünfte stehen jedoch nicht unbedingt im Widerspruch zu einem größeren Wiederaufbau. Man denke etwa an die Zeit nach dem Erdbeben in San Francisco von 1906, als über die Stadt verteilt 5000 „Erdbebenhütten“ errichtet wurden. Die Bewohner bezahlten 2 US-Dollar Miete pro Monat, bis sie die etwa 3 mal 4,25 Meter großen Häuser für 50 US-Dollar abbezahlt hatten. Und viele fanden eine Möglichkeit, die boxes zu bewahren, indem sie sie in den Skelettbau ihrer neuen dauerhaften Häuser integrierten. Einige dieser boxes existieren bis heute, sie sind umgebaut und nicht mehr als solche erkennbar.

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Abbildung 3: Ein San Francisco „Earthquake Cottage“ wird zu seinem neuen Platz befördert (San Francisco History Center, San Francisco Public Library).

Doch seit dem Erdbeben in San Francisco, während der langen Jahre der Wirtschaftskrise, des New Deal und der Experimente der Behörden von Tennessee Valley mit einem „mobilen Haus“ und Fertighäusern wurde die hartnäckige Dauerhaftigkeit von temporären Behausungen eher als Bedrohung für Stadtplaner und Bauindustrie gesehen denn als Sicherheit für die Vertriebenen. Bei der Frage gut gebauter temporärer Unterkünfte in der Nachkriegslandschaft spielten offensichtlich soziale Ängste vor der dauerhaften Verwahrlosung von Gebäuden und Wohnvierteln eine Rolle, insbesondere mit dem Aufstieg des Architekten zum Stadtplaner.

Die Hartnäckigkeit, mit der sich das Zelt (und das Flüchtlingslager) in den letzten Jahrzehnten internationaler Entspannung gehalten haben, spiegelt auch die Tatsache wider, dass es inzwischen nicht mehr nur um die Frage geht, wie lange ein Gebäude halten wird, sondern darum, wie lange Flüchtlinge bleiben werden. Auch das bringt uns dazu, die Materialität temporärer Unterkünfte zu überdenken. Mit ihrer elenden Materialität vermitteln Flüchtlingslager, dass sie eine temporäre Lösung sind, auch wenn tatsächlich viele Flüchtlinge den größeren Teil ihres Lebens in ihnen verbringen. Ein Bauwollzelt bedeutet irgendeine Art von Ende, während dauerhafte Materialien oft dafür stehen, dass die heikle politische Frage „wie lange“ ungeklärt ist, auch wenn dadurch Menschen gezwungen sind, über Jahre in zutiefst unwirtlichen Umgebungen auszuharren.

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Abbildung 4: Das Dadaab Refugee Camp in Kenia ist zurzeit das größte Flüchtlichgslager der Welt und Zuflucht für mehr als 300.000 Menschen. Die kenianische Regierung plant gerade es zu schließen (Wikimedia Commons).

Während Design und Innovation nicht immer so wichtig sind, wie die Designer es sich wünschen würden, ist es die Materialität auf jeden Fall, und zwar auf sehr politische Art und Weise. Im Übrigen sind Designer und Hilfsorganisationen nicht die Einzigen, die Materialien beanspruchen und beeinflussen können. Wie Nasser Abourahme über ein palästinensisches Flüchtlingslager schreibt, „spielen Zement, Betonklötze, Kunststoffrohre, Wellblech oder ‑zink (in der arabischen Umgangssprache zinco) nicht nur eine unterstützende oder intermediäre Rolle, sondern sie vermitteln auf zufällige und oft unerwartete Art und Weise zwischen Maßnahmen und Praxis.“ Durch das Zuammenbasteln von verschiedenen Materialien schaffen die Gemeinden selbst Dauerhaftigkeit, wo die Politik sich querstellte.

Heute stellt sich das Problem immer noch als die Herausforderung, eine größere box zu entwerfen, die in eine kleinere box passt, um sie so billig und transportabel wie möglich zu machen. Auch für Designer bleibt das ein zutiefst humanitäres Unternehmen: Wie können wir Menschen, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, eine bessere und sicherere Unterkunft bieten? Diese Frage ist vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Ankunft von Flüchtlingen in Europa von besonderer Bedeutung. Doch das Problem resultiert nicht aus einem Mangel an technischen Lösungen oder aus fehlender Logistik, sondern daraus, dass die Frage, wie sich temporäre Unterkünfte von einem Zuhause, einem Wohnviertel und sogar überhaupt von einem Leben unterscheiden, strittig ist. Es gibt zwischen Staaten, Gemeinden, Institutionen und Märkten weder Einigkeit darüber, was die materiellen Bedingungen für ein temporäres Dasein sind, noch darüber, wie ähnlich eine box einem Haus sein kann. Auch im Verlauf des eigenen Lebens können diese Dinge sich drastisch neu justieren.

Das Projekt wird in der Abteilung III des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte unter der Leitung von Prof. Dagmar Schäfer durchgeführt.

Weitere Informationen

Emily Brownells Profilseite

Zur Projekt-Website Physical Transformation of Dar es Salaam and Emerging Discourses of Urban Development and Environments

Zur Projekt-Website Colonial and Post-Colonial Planning and Counter-Planning

Emily Brownell, „Growing Hungry: The Politics of Food Distribution and the Shifting Boundaries Between Urban and Rural in Dar es Salaam“, in: Global Environment 9(1) (2016), S. 58–81.

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Englische Version des Forschungsthemas.

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Die Bärenjagd überall in Europa führte in vielen Gegenden zum Aussterben der Art. Wikimedia.
52: Wie mit Bären zusammenleben
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Bathymetry model of the Strait of Gibraltar ca. 1932, Instituto Español de Oceanografía.
50: Die Meerenge im Kalten Krieg – Tiefenforschung und globale Geopolitik im Mittelmeerraum
Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograph in possession of the Basel University Library (A lambda II 46a).
49: Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau
Parades of Miners, Craftsmen, and Officials Marking the Marriage of Friedrich August II, Elector of Saxony, and Maria Josepha, Archduchess of Austria in 1719. Bergakademie Freiberg.
48: Erfahren und Entscheiden in frühneuzeitlichen Bergwerken
Transcript of a Bobolink song by Ferdinand S. Mathews (1904), Field Book of Wild Birds and Their Music: A Description of the Character and Music of Birds.
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