Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau

fs49_img.jpg

Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograph in possession of the Basel University Library (A lambda II 46a).

Abb. 1: Die Bergbauindustrie als florierendes und vielversprechendes Unternehmen. Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograf in Besitz der Universitätsbibliothek Basel (A lambda II 46a).

Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau

In ihrem aktuellen Projekt untersucht Tina Asmussen die soziomaterielle Dimension frühneuzeitlichen Bergbaus, indem sie wechselseitige Prozesse der Aneignung und der Zuschreibung von Wert analysiert.

Bergbau war eine der wichtigsten Triebkräfte der dynamischen ökonomischen und technischen Entwicklung im frühneuzeitlichen Europa. Silber-, Kupfer- und Bleibergbau erlebten im Erzgebirge, im Harz und in den Tiroler Alpen ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Die rasche Verbreitung der Nachricht von der Entdeckung reicher Metallvorkommen führte zu einer schlagartigen Verwandlung bis dahin unkultivierter Gebiete in besiedelte und florierende Bergbauregionen (Abbildung 1). Zur Beschreibung dieses Phänomens prägten die Zeitgenossen den Begriff „Berggeschrey“. Er verweist erstens auf einen dynamischen ökonomischen Prozess mit kurzen Zyklen des Auf- und Abschwungs und der Zirkulation von Menschen, Wissen, Materialien und Geld in immer schnellerem Tempo. Zweitens markiert die Intensität und Impulsivität des Geschreis die affektive Dimension dieses von materiellen Wünschen, Hoffnungen und Ängsten angetriebenen Silberrauschs. Mein Forschungsprojekt „Subterranean Economies – Resource Flows and Metal Culture in Early Modern Mining“ (Unterirdische Ökonomien – Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau) verbindet die Geschichte politischer Ökonomie – allgemein verstanden als eine Reihe von Praktiken der Herstellung und des Tauschs von Werten in einer bestimmten Kultur – mit Fragen nach Wissen, Agency und Sinnstiftungen, die in Kultur-, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte aufgeworfen werden. Ich untersuche zeitgenössische Prozesse und Praktiken der Wertzuschreibung von Metallen, die nicht auf rein ökonomische Aspekte beschränkt sind, sondern die komplexe Semantik des Materials und ihre emotional-affektiven Implikationen berücksichtigen. Indem meine Forschungsarbeit die soziokulturellen Energien hinter der bereits gut erforschten ökonomischen und technischen Entwicklung der Bergbauindustrie in der frühen Neuzeit näher betrachtet und sich der Materialität und ihrer Verwandlung durch wechselseitige Prozesse der Aneignung und Zuschreibung widmet, stellt sie teleologische Narrative der Verfestigung von Verwaltungsstrukturen, Finanzmechanismen und technischen Innovationen infrage. Ausgehend von dem Verlangen der Menschen nach Edel- und Halbedelmetallen zielen meine Leitfragen auf materielle und emotionale Wertzuschreibungen von Metallen im Zusammenhang mit der Produktion und Zirkulation von Münzen als Tausch- und Wertmarken.

 

Die Beschleunigung der Wirtschaftsströme in den Bergbauregionen und darüber hinaus führte sowohl in zeitgenössischen Texten als auch in der Praxis zu weitschweifigen Diskussionen über den intrinsischen Wert und den Tauschwert von Münzen. Da ein Großteil der Silberproduktion der einzelnen Bergbauregionen in lokalen Münzstätten vermünzt wurde, war der Bergbau aufs engste mit der Währungspolitik und Währungspraktiken verbunden. Die verstärkte Silberförderung führte dazu, dass die beherrschende Goldwährung (Rheinischer Gulden) nach und nach durch ein Silberäquivalent ersetzt wurde – den Guldiner, Guldengroschen oder Taler (Abbildung 2). Regelmäßig wurden neue Edikte erlassen, neue Münzen eingeführt, alte Münzen geprüft oder neu bewertet und „böse“ Münzen mit sehr geringem Edelmetallanteil verboten. Material-, Gebrauchs- und Tauschwert überschnitten sich in diesen Diskursen und waren eng verbunden mit Begierden, Wunschdenken und moralischen Diskursen über ehrliche und betrügerische Methoden, Gewinn zu erzielen.

fs49_fig3.jpg

„Schaustück“ von Georg Herzog von Braunschweig-Calenberg im Wert von vier Talern. Henning Schlüter: Zellerfeld, 1638, 115,31 g, 89 mm.

Abb. 2: Die Bergwerke als Machtsymbol. „Schaustück“ von Georg Herzog von Braunschweig-Calenberg im Wert von vier Talern. Henning Schlüter: Zellerfeld, 1638, 115,31 g, 89 mm.

Die neuen Möglichkeiten, ein Vermögen zu verdienen – und wieder zu verlieren –, regten die zeitgenössische Reflexion über materiellen Wohlstand und finanziellen Profit an. Zeitgenossen beschrieben die Berge als „Nährboden“ für Wohlstand und Quelle aller Reichtümer. Mithilfe zunehmend teurerer Maschinen, kostspieliger Lüftungs- und Drainagetechniken wurden Schächte in große Tiefen gebohrt, und mit neuen metallurgischen Methoden wie der Seigerung konnten Erze mit geringem Metallgehalt abgebaut und verarbeitet werden. Diese Entwicklungen verwandelten die Bergbauindustrie in ein hochriskantes und kapitalintensives Geschäft, in dem die Menschen leicht Geld verlieren und sich ruinieren konnten. Daher veränderten diese technologischen und organisatorischen Innovationen nicht nur die ökonomische Landschaft, sondern tangierten auch die Wahrnehmung der Erze und den ihnen zugeschriebenen Wert. Wie die Bergleute und Gewerken glaubten, konnte man sich die gewünschten Metalle aneignen und Profit aus dem Bergbau schlagen, indem man auf Gott und das eigene Glück vertraute und wenn man gute Hoffnung, echtes Können und gute Sachkenntnis besaß.

Die Assoziation des Bergbaus mit Wissen, Reichtum, Risiko und Unsicherheit verbindet den Wunsch nach materiellem Gewinn mit der Angst vor finanziellem Verlust und Ruin und situiert diese in einem christlichen Tugenddiskurs. Ein Gemälde des deutschen Künstlers Matthäus Gundelach (1566–1653) bietet eine elaborierte Darstellung dieser Verbindung (Abbildung 3). Die Allegorie zeigt Fortuna auf einem Haspelrad balancierend. Zu Fortunas Rechten zeigt ein positiv dargestellter Bergmann in traditioneller Kleidung eine Erzprobe, zu ihrer linken reißt eine Gruppe von Schatzjägern auf der Suche nach einem Münzschatz gewaltsam die Erde auf. Gundelach schuf dieses Gemälde in einer Zeit der Hyperinflation und stellte darin künstlichen Reichtum (Münzen) natürlichem Reichtum gegenüber und spielte den gelehrten und ehrlichen Bergmann gegen ignorante, gierige und rücksichtslose Schatzjäger aus; doch er gruppierte beide Seiten auf der Achse des Glücks. Die sichtbare Gegenüberstellung von Erzen und Münzen schließt an allgemeinere Fragestellungen an, welche das Verhältnis zwischen natürlichen Werten oder natürlichem Reichtum und der Produktion von Wert mit „künstlichen“ Mitteln betreffen und die Frage, ob Kunst (oder menschliche Arbeit im Allgemeinen) die Macht haben sollte, Wert zu vervielfachen.

 

fs49_fig4.jpg

Das Streben des Menschen nach natürlichen Reichtümern: Fortuna, der gute Bergmann und die Schatzjäger. Matthäus Gundelach, Allegorie des Bergbaus (ca. 1620). Öl auf Leinwand, 133 x 86 cm. Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte (Inv.-Nr. C 5188).

Abb. 3: Das Streben des Menschen nach natürlichen Reichtümern: Fortuna, der gute Bergmann und die Schatzjäger. Matthäus Gundelach, Allegorie des Bergbaus (ca. 1620). Öl auf Leinwand, 133 x 86 cm. Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte (Inv.-Nr. C 5188). Bild © Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund.

Nicht nur in Kunstwerken, sondern auch in Texten und Artefakten erscheinen die Bergwerke als polyvalente Räume: Die von Caspar Ulrich in Joachimstal künstlerisch gefertigte Erzprobe (Handstein) zeigt das Bergwerk als göttlichen Schatz und als Quelle von Reichtum (Abbildung 4). Außerdem werden Bergwerke als Laboratorien oder Werkstätten für technische und metallurgische Kenntnisse und Innovationen dargestellt, als wichtige Stätten der höfischen Repräsentation und Sinnbilder für die ökonomische Macht des Herrschers (Abbildung 2) oder als Konvergenzpunkte materieller Wünsche, Begierden und Risiken. Um aber diese komplexe Semantik des Materials mit seinen sozialen, ökonomischen, epistemischen, symbolischen und emotionalen Dimensionen zu erfassen, ist es wichtig Religion als ein grundlegendes strukturierendes Prinzip frühneuzeitlicher Gesellschaften anzuerkennen. Für zeitgenössische Bergleute und andere aktiv in die Bergbauindustrie eingebundene Menschen war die Hoffnung auf reiche Erträge kein rein materielles Bestreben. Hoffnung war – zusammen mit Glauben und Liebe oder Nächstenliebe – auch eine christliche Tugend, die das rationale Denken mit positiven Erwartungen in Bezug auf künftige Ereignisse überlagerte, die auf Vorhersagen und Vertrauen in den Willen Gottes beruhten. Hoffnung bedeutete die Sehnsucht nach einem Happy End, das neben Wissen und Können auch von göttlicher Vorsehung abhing.

 

fs49_fig2.jpg

Handstein (Erz) mit einer Bergbauszene, die den biblischen Berg Golgatha zeigt. Caspar Ulrich, St. Joachimsthal oder Tirol 1550. Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer Inv.-Nr. 4167.

Abb. 4: Handstein (Erz) mit einer Bergbauszene, die den biblischen Berg Golgatha zeigt. St. Joachimsthal oder Tirol 1550. Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer Inv.-Nr. 4167.

Die Materialien in meinem Fokus – Gold, Silber, Kupfer, Blei und Eisen – stellten somit keine stabilen oder festen Größen dar, sondern waren vielmehr gleichzeitig wirtschaftliche Ressourcen, wissenschaftliche Objekte oder Substanzen, Werkstoffe sowie machtvolle Allegorien und Symbole. Dieses Forschungsprojekt eröffnet eine neue Perspektive auf die frühneuzeitliche Bergbauindustrie als soziomaterielles Phänomen sui generis – das durch die Verknüpfung der ökonomischen Praktiken und wissenschaftlichen Techniken der Akteure mit bedeutungsstiftenden Affekten und Wünschen entsteht.

Weitere Informationen

Archiv der Forschungsthemen

Bathymetry model of the Strait of Gibraltar ca. 1932, Instituto Español de Oceanografía.
50: Die Meerenge im Kalten Krieg – Tiefenforschung und globale Geopolitik im Mittelmeerraum
Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograph in possession of the Basel University Library (A lambda II 46a).
49: Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau
Parades of Miners, Craftsmen, and Officials Marking the Marriage of Friedrich August II, Elector of Saxony, and Maria Josepha, Archduchess of Austria in 1719. Bergakademie Freiberg.
48: Erfahren und Entscheiden in frühneuzeitlichen Bergwerken
Transcript of a Bobolink song by Ferdinand S. Mathews (1904), Field Book of Wild Birds and Their Music: A Description of the Character and Music of Birds.
47: Wissenschaftliche Ergebnisse und musikalische Ohren: Klangdiagramme von Feld-Tonaufnahmen
School of Athens
46: Die Bearbeitung der aristotelischen Mechanik in der frühen Neuzeit
better shelter
45: Flüchtlingsunterkünfte
44: Klimatologie kartieren
Black Hole Merger
43: Hundert Jahre Gravitationswellen
42: Wie hoch ist das Meer?
41: Die Neuerfindung der Einsteinschen Relativitätstheorie in der Nachkriegszeit
40: Sind Daten politisch?
39: Aus Schall wird Wissen
38: Farben und ihr Kontext
37: Ist größer besser?
36: Wurzeln der Sprachfamilien-Bäume
35: Genetik menschlich machen
34: Galileos Gedankenwerkstatt
33: Die Geschichte von Big Data
32: Waagen zwischen Innovation und Wissen
31: Blick auf Vielfalt
30: Wie Rezepte in frühneuzeitlichen Haushalten Wissen schufen
29: Metallurgie, Ballistik und epistemische Instrumente
28: Überwachte Wissenschaft
27: Die Globalisierung des Wissens und ihre Konsequenzen
26: Parts Unknown: Das Vertraute fremd machen
25: Bevölkerungsgröße und Geschlechterproportion
24: Gefährdung und ihre Folgen
23: Die Gleichgewichtskontroverse
22: Künstlerwissen im frühneuzeitlichen Europa
21: Wissenslandschaften
20: Babys beobachten in Fin-de-siècle-Amerika
19: Lassen wir ihn die Sprache wieder erobern
18: Geschichte(n) der Wissenschaftlichen Beobachtung
17: Historische Epistemologie: Zur Einführung
16: Johann Lamberts Konversion zu einer Geometrie des Raumes
15: Die unscharfen Grenzen zwischen Licht und Materie
14: Jeder Schritt wird aufgezeichnet werden
13: Hofiertes Handwerk
12: Kants naturtheoretische Begriffe
11: Jean Piaget und die spontane Geometrie des Kindes
10: Galilei und die Anderen
9: Eine Wissensgeschichte der menschlichen Vielfalt
8: Träumen in und von der Neurophilosophie
7: Wer waren Einsteins Gegner?
6: Physiologie des Klaviers
5: Getupfte Bienen
4: Neue Wege für die Nutzung digitaler Bilder
3: Vielsagende Instrumente
2: Microscope Slides - ein Objekt der Wissenschaftsgeschichte?
1: Was ist und wozu dient die historische Epistemologie?